In den Medien sind regelmäßig Meldungen wie „Die Armut nimmt immer mehr zu“ oder „Die Armut in unserem Land ist ein Skandal“ zu hören oder zu lesen. Der eigentliche Skandal ist die Statistik.
Nach einer Studie, die in den USA vor einigen Jahren veröffentlicht wurde, leidet eines von acht amerikanischen Kindern an Hunger. Diese „Erkenntnis“ basiert auf einer Umfrage. Es wurde gefragt „hatten Sie jemals zu wenig Geld, um Lebensmittel einzukaufen?“ oder auch „haben Ihre Kinder jemals geklagt, sie wären hungrig?“ Ab einer bestimmten Zahl von ja-Antworten wurden alle im Haushalt lebenden Kinder für hungrig erklärt. Diese Studie machte keinen Unterschied zwischen Kindern, die innerhalb mehrerer Jahre einmal hungrig waren und solchen, die dauernd hungern. Die bei den vielen übergewichtigen Kindern mit Diabeteserkrankung regelmäßig auftretenden Hungerattacken wurden ebenfalls mitgezählt.
Ähnlich ist es mit der Armut. Es geht hier keinesfalls darum, die Existenz armer Menschen zu bezweifeln, sondern um dubiose Erhebungsmethoden. In den reichen Industrienationen gilt jemand als arm, der weniger als einen bestimmten Prozentsatz des Durchschnittswertes der Bevölkerung verdient. Die Unbrauchbarkeit diese Bestimmungsmethode wird bei näherer Betrachtung offensichtlich. Steigt das Volkseinkommen, ändert das an der Zahl der Armen nichts, weil die relative Verteilung gleich geblieben ist. Es sind eben alle etwas wohlhabender geworden, auch die Armen. Wenn nun reiche Leute zuwandern oder Reiche noch reicher werden, steigt das Durchschnittseinkommen, und damit auch die Zahl der Armen, obwohl sich an deren Einkommenssituation gar nichts geändert hat. Nach der erwähnten Berechnungsmethode gäbe es nur dann keine Armen, wenn alle Menschen absolut gleich viel hätten. Gleich viel Geld, gleich viele Autos, gleich viele und gleich große Wohnungen, gleich viele Bücher usw.
Der Fehler liegt darin, dass mit der beschriebenen Methode nicht die Armut gemessen wird, sondern die statistische Streuung des Wohlstandes, also die wirtschaftliche Ungleichheit. Tatsächlich ist es für eine Gesellschaft schlecht verträglich, wenn die Unterschiede zwischen Armen und Reichen zu groß sind, aber dann sollte das auch offen und unmissverständlich dargestellt werden. Mit den simplen Methoden einer Prozent- und Durchschnittsbestimmung Armut und Reichtum zu „messen“, ist im Grunde peinlich.
Eine Abgrenzung von Dingen, Personen und Gegebenheiten ist in der Sozialstatistik immer schwierig und unsicher. Genau deshalb zählt es zu den ärgerlichsten statistischen Meldungen, dass wir es hier mit „bewiesenen“ Wahrheiten zu tun hätten.