MEIN GROSSVATER, EIN HELD
Ich habe zunächst gezögert, die Geschichte meines Großvaters, Rudolf Öller (1896 - 1974) zu veröffentlichen. Der Auslöser für meinen Entschluss war die inflationäre Verwendung des Begriffs "Nazi" von Leuten, die wenig über Zeitgeschichte wissen.
Mein Großvater war vor dem zweiten Weltkrieg Gendarm in Oberösterreich und wurde nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in die Gestapo (geheime Staatspolizei) übernommen.
Mein Großvater war anfangs Mitglied der NSDAP, aber er erkannte im Laufe der Jahre, wohin der Nationalsozialismus führen würde. Während des zweiten Weltkrieges begann er, nach und nach ganze Familien - auch jüdische - vor dem KZ zu bewahren. Er nützte seine Möglichkeiten als Polizist, Akten verschwinden zu lassen oder zu verfälschen. Er setzte damit sein eigenes Leben und das seiner Familie aufs Spiel.
Seine Geschichte wurde noch nie erzählt, da das Aktenmaterial erst vor wenigen Jahren - viele Jahre nach seinem Tod - in meine Hände gelangte. Mein Großvater ist der mutigste Mensch, den ich persönlich kannte. Leider konnte mit ihm nie über seine Heldentaten sprechen. Er starb als stiller Held.
Heute verneige ich mich vor ihm. Es gab noch andere Helden wie er einer war, wahrscheinlich werden viele dieser Geschichten erst in ferner Zukunft erzählt werden.
Die Frau meines Großvaters, Beatrix Öller, geborene von Feil, war Lehrerin. Sie rechnete jahrelang damit, dass ihr mutiger Mann eines Tages auffliegen würde. In diesem Fall wäre er von der SS erschossen worden.
Das Bild (rechts) zeigt meinen Großvater Rudolf Öller I. Es wurde im Dezember 1943 aufgenommen, nachdem er bereits zahlreichen Familien das Leben gerettet hatte. Die im Bild sichtbaren Auszeichnungen stammen aus dem ersten Weltkrieg. Mein Großvater war Frontsoldat und kam schwer verwundet nach Hause.
Sein Sohn Rudolf II (Bild links im Jahr 1941) - mein Vater - war während des Krieges Fernmeldeunteroffizier bei der Luftwaffe, später bei einer Panzereinheit an der Westfront. Er überlebte, so wie sein Vater, nur mit viel Glück.
Mein Vater war Maturant am Gymnasium in Linz. Nach dem Krieg durfte er nicht studieren, weil sein Vater ein "Nazi" war. Über diese Sippenhaftung wird heute der Mantel des Schweigens gebreitet. Es war eine schmerzliche Ungerechtigkeit, von der heutige Historiker nichts mehr wissen. Eine Aufarbeitung wäre wünschenswert.
Bregenz im August 2023
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