Welt der Naturwissenschaften und Politik
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Die Gesetze und Verfassungsartikel, die unseren Schulbetrieb regeln, sind umfangreich. Die gesammelten österreichischen Schulgesetze waren um die Jahrtausendwende noch ungefähr vier Zentimeter dick, jetzt sind es neun Zentimeter. Die Überregulierung hat groteske Ausmaße angenommen. Wahrscheinlich ist der Paragrafendschungel der Grund, warum in den letzten Jahren im Schul- und Unterrichtsbereich kaum noch sinnvolle Reparaturen vorgenommen werden konnten. Der neue Unterrichtsminister steht jedenfalls vor einer monströsen Aufgabe. Alle Probleme zu lösen, kann er auch in fünf Jahren nicht schaffen. Substandard Zu Beginn des Jahrtausends wurden die Resultate der internationalen Studien PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) und TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) bekannt. Österreich schnitt insgesamt durchschnittlich ab, doch das Bedrückende waren die enormen regionalen Unterschiede. Sie waren so extrem, dass man von einem Spektrum von Nicht genügend bis Sehr gut sprechen kann. Statistiker nennen das eine große Streuung. Unsere Volksschulen bilden eine Gesamtschule, die gerne als „gemeinsame Schule“ bezeichnet wird. Von „gemeinsam“ kann bei diesen Qualitätsunterschieden keine Rede sein. Die Schrecksekunde der überrumpelten Bildungs„experten“ nach diesem Debakel war nicht zu übersehen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied sagte damals – erkennbar verstört – in einem Interview, man müsse jetzt an vielen Rädern drehen, denn die großen Qualitätsunterschiede seien indiskutabel. Ist daraufhin Entscheidendes geschehen? Nein. „Gemeinsame Schule“ Einige „Experten“ suchten das Heil in einer „gemeinsamen Schule“ der Zehn- bis Vierzehnjährigen. Das wäre nichts anderes, als die inakzeptable statistische Streuung der Volksschulen von vier Jahren auf acht Jahre auszudehnen. Kaum jemand fragt, welche Gründe es für die Unterschiede gibt, die nicht erst mit der Migrationskrise entstanden sind. Statt zu untersuchen, probiert man Voodoo. „Experten“ schlagen zusätzlich zur Gesamt- auch eine verpflichtende Ganztagsschule vor. Das würde außer höheren Kosten nichts bringen, denn die Zahl der Schultage wurde inzwischen reduziert. Die schulfreien Samstage, die Ferien, die Feiertage und vor allem die vielen Zwickeltage haben dazu geführt, dass die Schüler vor zwei Generationen noch an mindestens zwei Drittel aller Tage im Jahr in die Schule gingen. Alle heutigen Schüler besuchen an weniger als der Hälfte der Tage die Schule, Tendenz weiter sinkend. Aus der Schule wurde ein Homeoffice. Analphabeten Ungefähr ein Viertel aller erwachsenen Österreicher kann nicht sinnerfassend lesen. Diese Erkenntnis ist für ein Land blamabel, zu dessen Fundamenten eine hohe Bildung zählt. Tatsächlich geht es mit dem sprachlichen Niveau an unseren Schulen bergab. Während wir (meine Generation) im Gymnasium noch Hermann Hesse, Thomas Mann und andere Schriftsteller lasen und diskutierten, ist deutsche Literatur heute weitgehend aus dem Unterricht verschwunden – ganz zu schweigen von englischer Literatur. Universitätsprofessoren beklagen nicht erst seit gestern eine wachsende Zahl an Studenten, die Probleme mit dem sinnerfassenden Lesen haben. Wurde dagegen Entscheidendes unternommen? Nein. Die Lösung liegt bis auf Weiteres in den Familien, in denen Bildung „vererbt“ wird. Gäbe es diese vorbildlichen Familien nicht, sähe es auf dem Bildungssektor noch düsterer aus. Facharbeiter Es war bei „Experten“ lange Zeit üblich, die Qualität eines Bildungssystems nach der Zahl der Universitäts- und Fachhochschulabschlüsse zu bemessen. Das ist zu kurz gegriffen, denn auch zwischen Hochschulabschlüssen gibt es große Unterschiede. So haben die meisten Installateure, Fliesenleger und Elektriker auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen (und verdienen auch besser) als Kulturwissenschaftler und Genderisten. Unsere Wirtschaft braucht Facharbeiter und MINT-Menschen (Medizin, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). In manchen Regionen, wo das Leben noch mit Bodenhaftung läuft, gelten Handwerker und Facharbeiter zu Recht so viel wie Akademiker. Ein Studienabschluss in einem Orchideenfach macht noch keinen am Arbeitsmarkt gefragten Menschen. Verfassung Im Artikel 14 der österreichischen Verfassung heißt es „Die Schulpflicht beträgt zumindest neun Jahre, und es besteht auch Berufschulpflicht.“ Dieser Satz (im Verfassungsrang) gilt für alle in Österreich lebenden Jugendlichen. Im § 2 des Schulorganisationsgesetzes heißt es ua.: „Die jungen Menschen sollen zu gesunden und gesundheitsbewussten, arbeitstüchtigen, pflichttreuen und verantwortungsbewussten Gliedern der Gesellschaft und Bürgern der … Republik Österreich herangebildet werden. Sie sollen zu selbständigem Urteil, sozialem Verständnis und sportlich aktiver Lebensweise geführt, dem politischen und weltanschaulichen Denken anderer aufgeschlossen sein sowie befähigt werden, am Wirtschafts- und Kulturleben Österreichs, Europas und der Welt Anteil zu nehmen …“ Arbeitstüchtig, pflichttreu und verantwortungsbewusst, und die Fähigkeit zu einem selbständigen Urteil. Das sind bürgerliche Tugenden – festgeschrieben in Artikeln und Paragrafen. Offenbar haben die Grünen in den letzten fünf Jahren übersehen, diese Sätze als „rechtsradikal“ zu diffamieren. Videant Consules „Videant Cọnsules ne quid res publica detrimenti capiat“ hieß es bei den Römern, „die Konsuln [Anm.: ranghohe Minister] mögen darauf achten, dass die Republik keinen Schaden leide.“ Erst vor wenigen Tagen wurde nach fünf verplemperten Monaten eine neue Regierung angelobt. Nicht nur das Budget und die Wirtschaft sind Baustellen. Das vernachlässigte Bildungsthema muss unbedingt eine größere Rolle spielen. Auf diesem Gebiet darf nicht weiterhin so wild überreguliert werden wie bisher. Ein Beginn könnte sein, den Lehrerberuf aufzuwerten, um eine bessere personelle Auswahl zu bekommen. Die jahrelange Lehrerbeschimpfung in den beginnenden Zweitausenderjahren ist einer von vielen Gründen für die aktuelle Bildungsmisere. |
© 2025 Rudolf Öller, Bregenz [/2025/roe_2510] |
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