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SCHULKRISE


Die Zeit der Semesterferien ist der Halbzeitpfiff im Schuljahr. Es bietet sich die Gelegenheit, wieder einmal über unsere Schulen nachzudenken, deren prekäre Situation weder Schuld der Lehrer noch eine Folge der Corona-Pandemie ist. Es handelt sich um ein politisches Versagen.

Die Reduktion der Schultage

Die Forderung, unsere Schüler zu entlasten, ist nicht auszurotten. Erst kürzlich verlangten einige Flachdenker, die mündliche Matura abzuschaffen. Während der Coronakrise habe der Unterricht so gelitten, dass eine mündliche Matura unzumutbar sei. Unsere Gymnasien sollen wohl in Nawarski-Schule umgewandelt werden. Nawarski war eine private Schule, die vor Jahren in einen Skandal verwickelt war. Die Ex-Leiterin der Maturaschule wurde rechtskräftig verurteilt, weil sich Schüler, die lieber in Kaffeehäusern über die Weltrevolution zu schwadronieren pflegten, die Maturafragen kaufen konnten. Eine Zeitlang wurde gemunkelt, auch Ex-Bundeskanzler Faymann habe eine Nawarski-Matura, denn in seiner Stammschule tauchte er in keinem Jahresbericht als Maturant auf.

Bis in die Siebzigerjahre besuchten die Schüler noch an rund drei Viertel aller Tage im Jahr die Schule. Freie Samstage, Zwickeltage, Projekttage, Semesterferien usw. gab es noch nicht. Dann kamen die "Energieferien", die im Interesse der Tourismus-Lobby in Semesterferien umgewandelt wurden. In der Folge wurde so lange entlastet, bis ein beachtlicher Teil der Schulabgänger sich in Wort und Schrift nicht mehr richtig ausdrücken konnte. Schulabgänger, die nicht sinnerfassend lesen können und Maturanten, die kein Studium schaffen, wurden fast zum Normalfall.

Der letzte schwere Schlag kam mit den schulfreien Samstagen und den "schulautonomen" Tagen. Das hatte zur Folge, dass Schüler heute nur noch an weniger als 50 Prozent aller Tage im Jahr die Schule besuchen. Diese Entwicklung benachteiligt besonders die lernschwachen Schüler. Die Situation kann ohne Übertreibung als hochgradige Bildungsungerechtigkeit bezeichnet werden, denn Schüler mit einem bildungsaffinen Elternhaus sind klar im Vorteil.

Die Gesamtschule

Es gibt immer noch Politiker und Journalisten, die eine Gesamtschule fordern, die auch "gemeinsame Schule" genannt wird. Tatsächlich gibt es diese Gesamtschule bereits, sie nennt sich Volksschule. Einige fortschrittliche Avengers aus dem pädagogischen Marvel-Universum fordern nun die Gesamtschule bis zum 14. Lebensjahr, weil das "Selektieren" mit zehn Jahren in Richtung Gymnasium oder Mittelschule angeblich unmenschlich sei. Abgesehen davon, dass etwa die Hälfte aller Maturanten nicht aus einem Langform-Gymnasium kommt, hat die Forderung einen Riesenhaken.

PISA (Programme for International Student Assessment) testet in vielen Ländern regelmäßig die Fünfzehnjährigen und dokumentiert die Bildungsschwächen. Weniger bekannt als PISA sind die Volksschulstudien, deren Ergebnisse seltener veröffentlicht werden. TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) ist eine international vergleichende Leistungsuntersuchung in Mathematik. PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) ist eine Lesestudie. Die Vergleiche zwischen den Staaten sind dokumentiert, man kann sie auf der Internetseite des Unterrichtsministeriums finden. Vergleichszahlen der Bundesländer sind nur für Insider zu bekommen. Bei den Volksschultests siegt üblicherweise  Oberösterreich, gefolgt von Salzburg. Wien hat fast immer die rote Laterne. Am schlimmsten ist die Tatsache, dass zwischen den besten und schlechtesten österreichischen Volksschulen ein Qualitätsunterschied herrscht wie zwischen schlechten Brennpunktschulen und den besten Gymnasien. Das ist ein Skandal, der unter den Teppich gekehrt wird.

Hauptschulen und Gymnasien können Defizite von Volksschulen teilweise ausgleichen. Ein regionaler Modellversuch einer Gesamtschule bis zum vierzehnten Lebensjahr mit schlechten Volksschulen würde eine Katastrophe für die heimischen Jugendlichen bedeuten. Bildungs"experten" wissen das und schweigen.

Burnout

Der Personalmangel an unseren Schulen ist zurzeit ein Problem. Die Ursachen sind vielfältig. Burnout infolge von Überforderung ist eine davon. Manche der Ausgebrannten sind enttäuschte Idealisten, einige nur schlechte Pädagogen. Burnout ist heute die Lehrerkrankheit schlechthin. Merkmale sind körperliche und emotionale Erschöpfung gefolgt von physischer und psychischer Antriebsschwäche. Analysen zeigen, dass es sich bei Burnout-Patienten meist um motivierte und von Idealismus erfüllte Menschen handelt, die es nicht geschafft haben, die Realität ihres beruflichen Alltags mit ihren Vorstellungen in Einklang zu bringen.

Die hier genannten drei Probleme, die ungleichen Bildungschancen durch fortlaufende "Entlastung", die enormen Qualitätsunterschiede der Volksschulen und das vernachlässigte Burnout-Problem vieler Lehrer werden durch Corona zurzeit zugedeckt. Diese und noch viele andere Themen müssen aber in Angriff genommen werden, denn unser Bildungssystem ist in Not.

Die wahren Probleme werden totgeschwiegen, während Gesellschaftsbastler nach Scheinproblemen im System suchen und im Dienste des Fortschritts kühnen Mutes weitere Entlastungen fordern.


© 2022 Rudolf Öller, Bregenz  [/2022/roe_2206]


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bekam 1908 gemeinsam mit Marconi den Physiknobelpreis für die Entwicklung der drahtlosen Telegraphie. Seine berühmteste Erfindung ist aber der Oszillograph, der Urahn der ersten Fernsehröhren.

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