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DIE GERECHTEN


Fortschrittliche Intellektuelle verwenden wiederkehrende Ausdrücke, wie "strukturell", "Narrativ", "brandgefährlich", "rechtspopulistisch", "nachhaltig", "klimaneutral", "spaltet Gesellschaft" und andere. Was sie bedeuten, spielt keine Rolle. Hauptsache sie werden verwendet. Ganz besonders wichtig sind die Begriffe "gerecht" und "Gerechtigkeit". Gemeint sind natürlich "gleich" und "Gleichheit", aber das klingt nicht so gut, denn die Fortschrittlichen wollen ja bunt und divers sein.

Die Sache mit der Gerechtigkeit alias Gleichheit hat nur einen Haken. So gut wie alle Versuche, Menschen gleich zu machen, sind grandios gescheitert. Ausnahmslos alle kommunistischen Staaten mündeten in eine Zweiklassengesellschaft: Eine wohlhabende und privilegierte Klasse der Nomenklatura und der darbende Rest. Diese krasse Ungerechtigkeit überlebte sogar das Ende fast aller sozialistischen Experimente. In China gibt es mehr Milliardäre als in den USA, Kambodscha hat die korrupteste Regierung in Asien und in Russland hat es Boris Jelzin gut gemeint, als er Volksaktien verteilte, die von ahnungslosen Arbeitern für ein paar Rubel verkauft wurden. So entstanden die milliardenschweren Oligarchen. Das letzte sozialistische Experiment in Venezuela brachte – welche Überraschung – die gleichen Resultate. Die Ölförderung liegt in den Händen einiger Generäle und ihrer Helfershelfer, was wiederum die Macht von Diktator Maduro garantiert. Auch hier führte der Sozialismus zu einer Handvoll von Milliardären und einem verarmten und hungernden Volk.

Die Absicht, eine gerechte Verteilung zu bewirken, gab es in den Siebzigerjahren auch in der Computerbranche. Großrechner, so genannte "Mainframes", waren in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts schrankartige Maschinen, die in Hallen standen, die nur Auserwählte betreten durften. 1964 produzierte und verkaufte IBM fast drei Viertel aller Computer weltweit. Software, Hardware und Peripheriegeräte waren nur innerhalb der IBM-Welt austauschbar, gegenüber den restlichen Firmen nicht. Das Modell IBM 360 von 1968 war der erste Alleskönner-Großrechner. Die Bauprinzipien, die ihr Entwickler Gene Amdahl und sein Team entwarfen, gelten im Prinzip noch heute. Die meisten der Konkurrenten gingen damals vor IBM in die Knie und gaben auf.

Elektronikrebellen unter den Studenten, vor allem an der amerikanischen Westküste, waren mit der Monopolsituation unzufrieden. Sie kamen aus der politisch linken Ecke und forderten einen Kleincomputer für alle. In jedem Haushalt sollte ein persönlicher und leistbarer Computer stehen, mit dem man schreiben, rechnen und eventuell sogar telefonieren kann. In Palo Alto wurde die "Midpeninsula Free University" gegründet. Unter der Führung des Elektronik-Gurus und bekennenden Kommunisten Lee Felsenstein entstand dort eine Gruppe, die IBM unbedingt vom Podest stürzen wollte. Felsensteins Leute installierten sogar ein kleines Computernetzwerk in Berkeley, eine Art Facebook-Vorläufer.

Der kalifornische "Homebrew Computerclub" und seine elektronischen Freischärler bekamen in der Mitte der Siebzigerjahre das, was sie wollten. Ein sich vegan ernährender Hippie namens Steve Jobs gründete die Firma Apple und baute in einer Garage in der Kleinstadt Los Altos im Silicon Valley seine ersten von den digitalen Sozialisten erhofften Kleincomputer zusammen. In der Zeitschrift "Popular Electronics" erschien gleichzeitig ein Artikel über einen weiteren Kleincomputer namens "Altair 8800". Das Gerät hatte bereits einen modernen Intel-Prozessor und einen kleinen Arbeitsspeicher. Der Kleinrechner war zwar revolutionär, hatte aber keine Software. Nachdem die Harvardstudenten William "Bill" Gates und Paul Allen vom Altair erfahren hatten, schmissen sie das Studium und gründeten die Firma Microsoft. Bill Gates besaß etwas, das andere vermissten. Er hatte ein Programm entwickelt, das man einen "Basic-Interpreter" nennt. Bill Gates brachte dem Altair-PC gleichsam das Denken bei. Diese Erfindung machte Microsoft über Nacht bekannt.

Als IBM im April 1981 mit seinem Personal Computer auf den Markt kam, erschütterte das die Computerwelt. Gates entwarf und verkaufte das Betriebssystem MS-DOS an IBM. Er machte damit seine Softwarefirma Microsoft zu einem Weltkonzern und gleichzeitig zum großen Rivalen der Silicon Valley-Firma "Apple". Bei Apple arbeiteten Programmierer an der Weiterentwicklung einer Idee, die sie von der Firma Xerox gekauft hatten: Eine grafische Benützeroberfläche, die heute Standard ist.

Was als linkes Projekt ("jedem seinen Kleincomputer") begann, bildete die Grundlage für die Entstehung der zurzeit mächtigsten Firmen der Welt. Sie alle sind an der US-Westküste angesiedelt: Apple, Microsoft, Amazon, Google, Facebook, Twitter und andere. Der Kleincomputer wurde in Verbindung mit dem Internet zum Wegbereiter für die Entstehung der größten Konzerngiganten der Geschichte.

Ausnahmslos alle Versuche in der Geschichte, eine gleiche Verteilung von Gütern durchzusetzen, änderte an der Ungleichheit nichts. Eher im Gegenteil: Eine Entwicklung in Richtung Ungleichheit wurde oft sogar beschleunigt, weil schlaue Typen Gleichheitsregeln für sich besser nutzen können als andere. Aufklärung und Demokratie gab den Menschen Freiheiten und gleiche Rechte vor dem Gesetz. Von Gleichheit war nie die Rede. Die natürliche Verschiedenheit der Menschen ist für keinen Politiker, kein System, keinen Rebellen zu knacken. Alle können sich Gitarren kaufen, aber es gab nur einen Jimi Hendrix. Viele können sich ein Piano leisten, aber es gibt nur einen Daniel Barenboim. Alle können Buntstifte, Farben und Pinsel im Supermarkt erwerben, aber nur ganz wenige erreichen die Qualität von Michelangelo, Dürer oder Vermeer. Viele hätte Amazon gründen und hochziehen können, aber nur Jeff Bezos tat es.

Der amerikanische Öl-Tycoon, Kunstmäzen und Milliardär Jean Paul Getty (1892 – 1976) sagte einmal sinngemäß, dass es nach der gleichmäßigen Verteilung aller Reichtümer auf alle Menschen bereits nach einer Stunde Arme und Reiche geben würde. Er hatte recht. Selbstverständlich stellt niemand unseren Sozialstaat in Frage, dessen Sinn der Schutz der Schwachen ist. Zwei Dinge sollten Sozialpolitiker jedoch nicht aus den Augen verlieren: Erstens würde in einem Extremsteuerland wie Österreich jedes weitere Drehen an der Steuerschraube nur bewirken, dass mehr Geld sozialschädigend und sinnlos im Hochofen namens Bürokratie verbrannt wird, und zweitens würde jede Maßnahme für vermeintlich mehr Gerechtigkeit die Ungleichheit fördern. Beispiele dafür gibt es genügend.

Eine Politik kann Ähnlichkeiten erzwingen, Gleichheiten gibt es nicht und wird es nie geben. Die Gerechten und Selbstgerechten, die Gerechtigkeit für alle wollen, meinen es gut, aber je lauter nach Gerechtigkeit gerufen wird, und je mehr die Selbstgerechten glauben, genau zu wissen, was Gerechtigkeit ist, je mehr also an Sozialgesetzen herumgepfuscht wird, desto ungleicher und ungerechter wird die Welt. Ausnahmslos alle sozialistischen Experimente erzeugten aus diesen Gründen extreme Ungerechtigkeiten und scheiterten.



© 2021 Rudolf Öller, Bregenz  [/2021/roe_2137]


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"Theke, Antitheke, Syntheke"
(Thriller über eine tragikomische Stammtischrunde auf dem Weg in den Tod)
Verlag novum, Zürich. ISBN 978-3-99130-025-0

Buchrückentext: "Wir waren eine großartige Bande von Stammtischbrüdern an der deutsch-österreichischen Grenze, auch zwei Stammtischschwestern waren dabei. Wir trafen uns jeden Freitag – eine verschworene Truppe, fast schon ein Dream Team. Drink Team trifft es allerdings besser. Voll Hoffnung starteten wir ins Coronajahr 2020, am Ende wurde es eine teils fröhliche, teils depressive Reise in den kollektiven Tod.
Zunächst glaubten wir, es habe sich um Unfälle gehandelt, die wahren Hintergründe kamen erst an Weihnachten und auch nur zufällig ans Tageslicht. Wie es zu diesen Ereignissen kam? Das ist eine lange Geschichte, die ich am besten anhand meines Tagebuchs erzähle, beginnend mit dem ersten Stammtisch des verdammten Jahres, an dem wir alle trotz Ringen unter den Augen noch fröhlich feierten."

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