Welt der Naturwissenschaften

Eine Sammlung von Essays als schneller Zugang zu den Naturwissenschaften für Selbstdenker und andere Minderheiten.

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JAKOBINER (2)


Der Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ des ehemaligen Vorstands der Deutschen Bundesbank Thilo Sarrazin hat für Aufregung gesorgt. Der Verband „Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin“ verwahrte sich in einer Pressemitteilung anlässlich der Buchvorstellung „gegen jede Verfälschung und politische Instrumentalisierung biologischer Fakten“. Sarrazin habe „grundlegende genetische Zusammenhänge falsch verstanden“. Es gäbe weder ein Türken- noch ein Juden-Gen, die Zusammenhänge seien komplexer. Sarrazin hatte die Ungleichheit der Menschen zum öffentlichen Thema gemacht.

Sowohl die rassisch-genetische (es gibt erstklassige und minderwertige Menschengruppen) als auch die jakobinische Hypothese (alle Menschen sind gleich) sind frei erfunden. Trägt man eine beliebige Messgröße, wie etwa die Körpergröße, in Form eines Diagramms auf, erhält man eine glockenförmige Kurve. Am linken Ende gibt es wenige Kleinwüchsige, dann steigt die Kurve an und erreicht beim Durchschnittswert die höchste Stelle. Dann sinkt sie wieder, wobei am rechten Ende die wenigen Riesen zu finden sind. Welche Messgröße in Tier-, Pflanzen- oder Menschenpopulationen auch betrachtet wird, man erhält immer glockenförmige Verteilungen, wobei es Verschiebungen gibt, deren Ursache in den Umweltbedingungen liegt.

In der Biologie wurden zigtausende Versuche angestellt, und alle brachten die gleichen Ergebnisse: Ändert man die Umweltbedingungen in einer genetisch vielfältigen Population, dann verschieben sich die Kurven, aber die Vielfalt bleibt bestehen. Beim Menschen ist das nicht anders. Wachstumshormone im Fleisch, bessere Ernährung und weniger körperliche Arbeit haben die Menschen im Lauf der Jahrhunderte größer werden lassen, aber die statistische Verteilung ist erhalten geblieben. Das hat einige Ideologen zum Trugschluss verleitet, die Umweltbedingungen hätten einen stärkeren Einfluss auf den Menschen als seine Gene. Selbstverständlich haben die Umweltbedingungen einen Einfluss, aber sie beseitigen niemals Ungleichheiten. In den USA hat die Körperfülle durch falsche Ernährung und Bewegungsmangel zugenommen. Die Varianzen haben sich zum Übergewicht hin verschoben, existieren aber nach wie vor. Verbessert man die Schulbildung, dann erhöht man die Chancen der Menschen insgesamt, es kommt zu Parallelverschiebungen nach oben, aber die glockenförmige Verteilung hinsichtlich Leistungsfähigkeit bleibt erhalten. Diese Verschiedenheit der Menschen ist in allen Populationen der Erde zu beobachten. Politik kann die Verteilungskurven bewegen, die Menschen gleich zu machen, ist unmöglich. Demnächst mehr dazu.




© 2011 Rudolf Öller, Bregenz

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