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27. Jänner 2020

 

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KREUZ UND QUER


Dem ehrenwerten ORF-Magazin "Kreuz und quer" sind kürzlich ein paar Schnitzer passiert. Die Sendung vom 10. Dezember 2019 begann mit fragwürdigen Behauptungen. Der deutsche Arzt und Theologe Matthias Beck sagte beispielsweise: "Wir dachten bis vor 20 Jahren, die Informationen liegen in den Genen …" Selbstverständlich liegen die Informationen über die Entwicklung aller Lebewesen in den Genen. Das ist auch heute noch so. Dann ging es weiter: "Seit kurzem wissen wir, dass die Gene geschaltet werden." Nein, das wissen wir nicht seit Kurzem. Den ersten Steuerungsmechanismus entschlüsselten die Biologen Jacques Monod und François Jacob, wofür sie 1965, also vor über einem halben Jahrhundert, den Medizinnobelpreis bekamen.

Dogma

In der Sendung wurde mehrmals behauptet, es sei ein "Dogma" der Biologie gefallen. Nein, es ist kein Dogma gefallen, denn in den Wissenschaften werden Theorien bestätigt oder korrigiert. Dogmen gibt es nur in Religionen, Ideologien und gelegentlich auch in der Esoterik.

In der Sendung war mehrmals von der Revolution der Epigenetik die Rede. Der Begriff "Epigenetik" tauchte vor ungefähr einer Generation auf. Im deutschsprachigen Standardwerk der Genetik (Seyffert: "Genetik") kommt der Begriff "epigenetisch" nur an zwei Stellen, und hier auch nur in Nebensätzen vor. Das Wort "Epigenetik" kommt von "Epigenese". Dieser Ausdruck  war bereits im 18. Jahrhundert in Verwendung. Es geht um die Entwicklung von Embryonen zu fertigen Lebewesen. Die Biologen waren damals der (richtigen) Meinung, dass alle Merkmale des erwachsenen Organismus als Programm im befruchteten Ei angelegt sind. Dieses Programm wird abgearbeitet, und das bezeichnete man schon lange als "Epigenese". Irgendwann entdeckten Zeitgenossen diesen Zweig der Biologie und verkündeten, dass genetische Steuerungen vererbt werden.

Kreuzungen

Es ist nicht einfach, die Erblichkeit eines Merkmals nachzuweisen. Dazu muss man Tiere und Pflanzen mindestens drei bis vier Generationen züchterisch einkreuzen. Da dies bei Menschen nicht möglich ist, kann der Erbgang eines menschlichen Merkmals nur durch langwierige und über mehrere Generationen folgende Untersuchungen nachgewiesen werden, wobei ein Problem auftaucht. Epigenetische Markierungen werden bei der Bildung der männlichen Keimzellen gelöscht, bei der Bildung der weiblichen Eizellen, die bereits bei der Geburt des Mädchens fertig vorliegen und ab der Pubertät monatlich durch Eisprung entlassen werden, entstehen jeweils vier Zellen, von denen drei absterben. Warum das so ist, wissen wir bis heute nicht. Genetik ist eben komplexer als es die epigenetischen Kreuz-und-quer-Dogmenvernichter gerne hätten.



© 2020 Rudolf Öller, Bregenz  [/2020/roe_2002]

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