Welt der Naturwissenschaften

Eine Sammlung von Essays als schneller Zugang zu den Naturwissenschaften für Selbstdenker und andere Minderheiten.

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INFLUENCER


Die sozialen Medien haben eine neue Expertenklasse hervorgebracht, die neudeutsch "Influencer" genannt werden. Es klingt wie eine von Viren hervorgerufene Infektionskrankheit. Diese selbsternannten "Beeinflusser" sind meistens zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, tragen Designermode, machen teure Reisen und besuchen Restaurants mit zwei oder mehr Hauben.

Im Netz, meist auf Twitter oder Facebook, erzählen sie täglich darüber und zigtausende junge Menschen, deren Leben freiwillig fremdbestimmt verläuft, folgen diesen "Influencern", die aufgrund der Zahl ihrer "Follower" und der damit verbundenen Werbeeinschaltungen im Internet bezahlt werden. Diese Prinzessinnen und Prinzen des 21. Jahrhunderts kommen auf Smartphones und Tablets auf virtuellen rosa Glitzerpferden daher, funkeln, strahlen, werden allseits bewundert und beneidet, aber von einem auf den anderen Tag sind sie schon wieder vergessen, denn nichts scheint in dieser Gesellschaft von Dauer zu sein.

Es ist erstaunlich. Viele kennen Helene Fischer und Andreas Gabalier, den Älteren sind ABBA, die Beachboys und Dire Straits ein Begriff, und alle Liebhaber klassischer Musik kennen selbstverständlich Elina Garanca, Anna Netrebko und Jonas Kaufmann. Politiker sind schon weniger bekannt, Sebastian Kurz und Hans Christian Strache sind schillernde Ausnahmen.

Wer aber drei berühmte lebende Wissenschaftler nennen soll, deren Entdeckungen und Erfindungen unser aller Leben für immer beeinflusst haben, kommt ins Grübeln. Es gab unter den Wissenschaftlern tatsächlich Leute, die einen Glanz wie ein Rockstar besaßen, das waren Albert Einstein und der kürzlich verstorbene Stephen Hawking. In den USA waren zusätzlich Edwin Hubble und Richard Feynman Popstars der Wissenschaft. Keiner von ihnen ist noch am Leben.

Viele Astronauten sind Wissenschaftler, aber kaum jemand kennt ihre Namen. An Bord von Apollo XVII war beispielsweise auch ein Geologe, der auf dem Mond einige scherzhafte Sprüche klopfte. Wer kennt ihn noch? Wer sind Albert Fert und Peter Grünberg? Nie gehört? Ohne ihre Entdeckung des "giant magnetoresistance", für den sie 2007 den Physiknobelpreis bekamen, wäre das Internet in seiner heutigen Form und damit das Entstehen der Chatterbox-Influencer nicht möglich gewesen.

Es ist tröstlich, dass es unter den Influencern des 21. Jahrhunderts wenigstes auch Künstler gibt. Vielleicht sollten einige Wissenschaftler von Albert Einstein lernen, dessen vorlaute Sprüche die Öffentlichkeit liebte wie "Manche Männer bemühen sich ein Leben lang, das Wesen einer Frau zu verstehen. Andere befassen sich mit weniger schwierigen Dingen, z. B. der Relativitätstheorie."




© 2018 Rudolf Öller, Bregenz


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