Welt der Naturwissenschaften

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ALTE MIGRANTEN


Sie können es nicht lassen. Kaum wird irgendwo irgendetwas entdeckt, dann kommen die Sensationsjäger hyperventilierend angerannt und schreiben mit gespielter Aufregung, dass die "Lehrbücher neu geschrieben" werden müssen. Einmal sind es die Biologiebücher, dann die Geologiebücher, am Ende die ganze Geschichte der Menschheit. Diesmal muss die Geschichte des Homo sapiens angeblich neu geschrieben werden.

Jean-Jacques Hublin, der Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Experte für Frühmenschen reiste im Frühjahr 2007 nach Marokko. 85 Kilometer nordwestlich von Marrakesch auf einem Hügel namens Jebel Irhoud hatte ein Team von Paläontologen menschliche Schädelfossilien gefunden. Schon die erste Analyse zeigte, dass es sich um einen modernen Menschen handeln musste. Das Neue daran: Die Knochen sind älter als die ältesten bisher entdeckten Knochen eines Sapiens-Vorfahren. Die ältesten Funde kannte man nur aus Ostafrika. Marokko, also Nordwestafrika als Fundgegend, das war neu.

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Die gefundenen Knochen mussten sorgfältig aus dem Gestein herausgekratzt, das Alter genau bestimmt, die Form mit anderen Knochen bis ins kleinste Detail verglichen und schließlich die Publikationsrechte geklärt werden. Die Fundstelle ist ergiebig. Es tauchten auch ein Unterkiefer und Zähne auf. Die Anthropologen sind sich daher sicher, dass in den nächsten Jahrzehnten noch weitere Knochen ausgegraben werden, womöglich komplette Skelette.

Die am Jebel Irhoud gefundenen Knochen erweitern tatsächlich unser Wissen. Dem Bild der Geschichte unserer Vorfahren wurde ein neuer Mosaikstein beigefügt, aber diese Geschichte muss deswegen nicht von Grund auf neu geschrieben werden. Evolutionsbiologen können durch Vergleiche von Säugetierarten, durch das Messen von Mutationsfrequenzen, durch Analyse von Zellbestandteilen und aus anderen Details die Zeit der Entstehung von Arten abschätzen. Es gibt die plausible Theorie, wonach der moderne Homo sapiens ungefähr 500.000 Jahre alt ist. Der Knochenfund aus Marokko passt daher gut in diese Zeitspanne.

Auch die Wanderbewegung ist keine Neuigkeit. Homo erectus, eine wesentlich ältere und wahrscheinlich in mehrere Unterarten aufgespaltene Menschenart, breitete sich durch Wanderungen weit über Afrika bis nach Ostasien aus. Anhand genetischer Marker wird geschätzt, dass die Population von Homo erectus vor 1,2 Millionen Jahren weltweit nur rund 50.000 Individuen umfasste. Wenn Homo erectus bis Asien vordringen konnte, dann ist es keine Sensation, wenn es Homo sapiens eine Million Jahre später von Ostafrika bis Marokko schaffte.




© 2017 Rudolf Öller, Bregenz


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