Welt der Naturwissenschaften

Eine Sammlung von Essays als schneller Zugang zu den Naturwissenschaften für Selbstdenker und andere Minderheiten.

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PSYCHÉ


Die Ärztin Dr. Elisabeth Kübler-Ross hat vor Jahrzehnten ihr Buch „Interviews mit Sterbenden“ veröffentlicht. Sie und noch weitere ihrer Kollegen haben Berichte über sogenannte Nahtoderlebnisse publiziert. Wissenschaftliche Studien konnten zeigen, dass das Sterben bestimmte Stationen durchläuft, was insofern keine Sensation ist, als auch die Entstehung des Lebens im Mutterleib in mehreren Schritten erfolgt. Sogar das, was wir Befruchtung nennen, ist kein Zeitpunkt, sondern dauert etwa 24 Stunden. Wer auf ein Weiterleben nach dem Tod hoffte, konnte in den Ergebnissen der „Thanatologie“ den naturwissenschaftlichen Beweis dafür sehen.

Etwa jeder fünfte Überlebende eines Herzstillstands berichtet von Nahtoderfahrungen. Diese in allen Kulturen auftretenden Erlebnisse werden oft als lebhaft, klar und real geschildert. Todesnähe-Erfahrungen, argumentieren viele Neurologen, seien nicht Realität, sondern Trugbilder, hervorgerufen durch Sauerstoffmangel und körpereigene Drogen. Die große Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, bleibt damit - wissenschaftlich gesehen - offen.

Kürzlich zeigten Untersuchungen der University of Michigan, dass das Gehirn im Angesicht des Todes richtig aufdreht, bevor es endgültig verlöscht. Hirnforscher verglichen die Hirnaktivitäten von Ratten im Wachzustand, unter Narkose und nach einem Herzstillstand. Alle Tiere zeigten in der Minute nach dem Herzstillstand Muster von Gamma-Hirnwellen, die nur im wachen und angeregten Zustand auftreten. Ein deutscher Neurologe glaubt, dass die versiegenden Sinnesorgane das Gehirn noch einmal kurz zu Hyperaktivität treiben könnten. Er vergleicht das mit einem Motor, der im Leerlauf schneller läuft als unter Last. Ein Beweis für Nahtoderfahrungen ist das nicht, bestenfalls ein Hinweis. 

Die Frage, die viele beschäftigt, ist die Fähigkeit des Geistes, unabhängig vom Körper zu existieren. Die meisten griechischen Philosophen meinten, dass die Psyché - ein nicht genau definierbarer Begriff - unabhängig vom Körper existiert, aber an diesen gebunden ist. Nur Platon glaubte, dass die Psyché unabhängig vom Körper weiterleben kann. Er meinte, dass ein „Demiurg“ (griechisch: Handwerker) die Psyché erschaffen hat. Aus diesem Seelenklempner bastelte der Philosoph Hegel später seinen dubiosen „Weltengeist“.

In der Bibel wird eine ewige Psyché nicht ausdrücklich erwähnt. Platons Psyché wurde von den Kirchenlehrern - Autoren der ersten Jahrhunderte, die zur Lehre des Christentums maßgeblich beigetragen haben - übernommen und zu dem gemacht, was heute „unsterbliche Seele“ genannt wird. Die Welt nach dem Tod ist damit nicht Wissens-, sondern bleibt Glaubenssache.




© 2013 Rudolf Öller, Bregenz


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