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BILDUNG IST MEHR


Berechne den natürlichen Logarithmus von 12! Heute stehen für diese mathematische Aufgabe Taschenrechner zur Verfügung. Drei Klicks und das Ergebnis ist zu sehen. Vor vierzig Jahren mussten Techniker, Mathematiker, HTL-Schüler und Gymnasiasten Logarithmentabellen oder Rechenschieber zu Hilfe nehmen. Das war mühsamer, aber es funktionierte. Damals war es außerdem notwendig, das innere Wesen eines mathematischen Problems zu kennen. Heute ist alles einfacher geworden. Technik hat die Lösungssuche beschleunigt, zum tieferen Verständnis der Mathematik hat sie nicht beigetragen, eher im Gegenteil.  

Einen ähnlichen Effekt bewirken die Internet-Suchmaschinen, allen voran Google. Die Zahl der Einwohner von Venedig, die Höhe des Cotopaxi, der Regisseur eines Films, die Fläche von Grönland und die Eroberung des Südpols, all das tippt der Wissbegierige in seinen PC ein - seit 10 Jahren reicht auch ein Smartphone - und schon sind die (hoffentlich richtigen) Antworten zu lesen. Die moderne Form der Wissensbeschaffung hat die Geschwindigkeit des Informationsflusses erhöht.

Fußballspielen, ein Lied singen, schwimmen, ein Motorrad lenken, einen Patienten reanimieren, dabei einen Defibrillator richtig bedienen, ein Bild malen, ein Flugzeug steuern und vieles andere kann man nicht mit Hilfe des Internets lernen. Es ist möglich, sich Informationen zu besorgen, beispielsweise über Erste Hilfe, aber ohne praktisches Training kann nichts davon gelingen.

In den letzten Jahren ist es Mode geworden, Wissen auf abrufbares Datenmaterial zu reduzieren. Dies und das müsse nicht gewusst werden, denn es könne ja im Internet gefunden werden. Das ist banausenhaft, denn wer bei der Frage nach der Hauptstadt von Portugal sein Smartphone hervorkramt, erweist sich als halbgebildeter Suchmaschinenzombie. Bildung und komplexes Wissen können überhaupt nicht aus dem Internet bezogen werden. Bildung entsteht durch wiederholtes Erörtern von Themen gemeinsam mit anderen Menschen, und das geschieht in der Familie, in der Schule und während der Berufsausbildung. Wer glaubt, das Internet könne alle Fragen beantworten, der möge mit Hilfe des Internets genau erklären, welchen Zusammenhang es zwischen der Frequenz und der Energie von Röntgenstrahlen gibt, warum es nicht einmal CERN gelingt, Protonen auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen und warum GPS-Satelliten eine Einstein-Korrektur benötigen. Das Internet bietet dazu Formeln und Texte an, aber ohne breite Vorbildung sind diese Fragen nicht zu beantworten.

Der Glaube an eine Verbesserung der Bildung durch mehr Computer ist naiv. Google & Wikipedia sind zwar nützlich, aber Bildung ist viel mehr




© 2017 Rudolf Öller, Bregenz