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ADAM UND HAWA (1)


Die Entwicklung der Wissenschaften im Islam war bisher in Europa kaum bekannt. Das hat auch damit zu tun, dass viele Europäer zwar Englisch, schon weniger Französisch und Spanisch verstehen, kaum jemand aber Türkisch oder Arabisch, wenn man von den Einwanderern absieht. Wir kennen einige kluge Männer aus dem Zweistromland (heute Iran und Irak), aber die lebten im Mittelalter. Über die nachfolgende Kultur in dieser Region wussten wir Europäer lange Zeit wenig.

An der Universität Wien ist kürzlich eine äußerst interessante wissenschaftliche Arbeit erschienen, die Licht ins Dunkel bringt: Turgut Demirci, "Die Vereinbarkeit der wissenschaftlichen Evolutionstheorie mit dem Islam (Philosophisch-Islamische Grundlagen für den Religionsunterricht)". In dieser Arbeit geht es nicht nur um die Einstellung islamischer Religionspädagogen zu den modernen Naturwissenschaften, insbesondere die Evolutionsbiologie, sondern auch um die Geschichte der Wissenschaften im Islam.

Der Autor beginnt bei der Erschaffung der ersten Menschen, die im Islam "Adam und Hawa" heißen, berichtet über moslemische Schöpfungsmythen, lässt aber keinen Zweifel daran, dass es keine Alternativen zu den Erkenntnissen der Evolutionsbiologen gibt. In der Arbeit von Turgut Demirici heißt es wörtlich: "Der Koran hat überhaupt nicht den Anspruch, seinen Erstadressaten oder späteren Generationen irgendwelche wissenschaftlichen Informationen zu vermitteln. Sein grundlegender Zweck besteht nicht darin, Kenntnisse über die reale … Welt beizubringen, sondern darin, auf Grundlage des herrschenden … Wissens- und Kulturstandes seines Verkündigungsmilieus die Aufmerksamkeit seiner Adressaten auf die transzendente Macht zu lenken. Deswegen sagt der Koran auch nichts aus, was die Grenzen des Wissens- und Kulturstandes seiner … Erstadressaten überschreiten würde."

Diese Aussagen decken sich mit denen aufgeklärter christlicher Theologen, doch diese Ansichten dürfen zurzeit in keinem Land des Islams öffentlich vertreten werden. Auf diese Tatsache geht der Autor ein, eine genauere Schilderung würde den Rahmen hier sprengen.

Das für Biologen interessanteste Kapitel ("Evolutionsgedanken in der islamischen Ideengeschichte") enthält eine genaue Auflistung hervorragender moslemischer Biologen, die schon vor Jahrhunderten die moderne Evolutionstheorie vorweggenommen hatten. Solche Männer gab es auch in Europa wie etwa Georges Cuvier, Jean-Baptiste Chevalier de Lamarck und andere. Dies führt zur unvermeidlichen Frage, warum die moderne Biologie in Europa vorwärtsstürmte, im Islam aber zum Erliegen kam. Auch darüber gibt besagte Arbeit Auskunft. Demnächst mehr dazu.




© 2017 Rudolf Öller, Bregenz