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Witali Ginsburg


Witali (auch: Vitaly) Ginsburg wurde mitten im 1. Weltkrieg im zaristischen Russland als einziges Kind des Ingenieurs Lasar Jefimowitsch Ginsburg und der Ärztin Awgusta Weniaminowna Wildauer-Ginsburg geboren. Witalis Mutter starb früh. Nach der Machtübernahme der Bolschewiken misstraute seine Tante und Adoptivmutter der neuen sozialistischen Regierung und schickte ihren Witali nicht zur Schule. Der Bub wurde privat unterrichtet.

Später bekam Witali eine Anstellung als Röntgenassistent. Weiterführende Schulen waren ihm zunächst verwehrt, weil er keinen offiziellen Schulabschluss vorweisen konnte. Mit Hilfe von Schnellkursen, in denen er die Oberstufe des Gymnasiums nachholte, konnte er schließlich studieren. Nach dem Diplom promovierte er 1942 am Lebedew-Institut der Akademie der Wissenschaften der UdSSR zum Doktor der Physik. Während der Stalinära forderte der im Sowjetkommunismus grassierende Antisemitismus immer mehr Opfer. Die jüdische Abstammung von Ginsburg verhinderte in diesem vergifteten Klima eine Ernennung zum Professor, obwohl er seit Kriegsende Vorlesungen gehalten hatte. Der Grund, warum Ginsburg keine weiteren Repressalien erleiden musste, war seine enge Zusammenarbeit mit dem Atomphysiker Andrei Sacharow. Diese Arbeitsgruppe entwickelte die sowjetische Wasserstoffbombe.

Ginsburg war ein mathematisch-physikalisches Genie. Er erhielt für seine mehr als 400 wissenschaftlichen Arbeiten den Stalinpreis, den Leninpreis und die Goldmedaille der Royal Astronomical Society. Er wurde 1971 sogar Mitglied der „American Academy of Arts and Sciences“. 1950 entwickelte Ginsburg zusammen mit Lew Landau eine Theorie der Supraleitung (Ginsburg-Landau-Theorie). Die Supraleitung ist ein Temperaturhänomen. Der elektrische Widerstand eines Drahtes sinkt mit der Temperatur. In der Nähe des absoluten Nullpunktes (-273,15 °C) bricht der Widerstand völlig zusammen, der elektrische Strom kann ohne Energieverlust fließen. Ginsburg und Landau lieferten für diesen Effekt die quantenmechanische Beschreibung, mit deren Hilfe zahlreiche Phänomene der Supraleitung und der Festkörperphysik erklärt werden können.

Für seinen epochalen Beitrag zum Verständnis der Supraleitung erhielt Ginsburg im Jahr 2003 gemeinsam mit Alexei Abrikossow und Anthony Leggett den Nobelpreis für Physik. 2009 starb Ginsburg in Moskau.

Witali Lasarewitsch Ginsburg wurde nach dem gregorianischen Kalender am 4. Oktober 1916 oder am 21. September 1916 nach dem in dieser Region noch verwendeten julianischen Kalender in Moskau geboren. Physiker stoßen in diesen Tagen auf den 100. Geburtstag eines eher unbekannten aber großen Nobelpreisträgers an.




© 2016 Rudolf Öller, Bregenz