zurück Übersicht weiter

BETRUG (8): LYSSENKO


Diktatoren akzeptieren wissenschaftliche Erkenntnisse nur dann, wenn sie ins eigene Weltbild passen. Erkenntnisse, die nicht entsprechen, werden verboten und ihre Vertreter lächerlich gemacht. So erging es der Relativitätstheorie im Nationalsozialismus, die als „jüdische Physik“ diffamiert wurde. Diskussionen zum Thema galten als unzulässig und waren daher gefährlich.

Die Kommunisten waren nicht besser. Trofim Denissowitsch Lyssenko wurde in der Ukraine geboren. Während des Beginns des Kommunismus studierte er in Kiew Agrarwissenschaften. Nach der Veröffentlichung einer Methode namens „Vernalisation“ wurde Lyssenko bekannt. Er hatte das nicht erfunden, sondern nur aus dem Ausland übernommen, wo vereinzelt Versuche gemacht worden waren. Die „Vernalisation“ gefiel ihm, sodass er beschloss, diese Methode voranzutreiben, um die Ernteerträge in der Sowjetunion zu verbessern.   

Die meisten Biologen in Europa sahen die Methode skeptisch, weil die Resultate unterschiedlich ausfielen. Lyssenko ließ sich aber nicht beirren. Seine Vernalisation bestand im Wesentlichen darin, dass  Winterweizen einer Kältebehandlung unterzogen und danach eingeweicht wurde. Der auf diese Art vorbehandelte Weizen sollte höhere Erträge bringen als der Sommerweizen. Einige Versuche schienen für den „vernalisierten“ Weizen zu sprechen, die wahren Gründe dafür waren vermutlich die Verwendung robusterer Sorten und besserer Dünger. Heute wissen wir, dass die Vernalisation ein Irrtum war. 

Die Landwirtschaftspolitiker im Zentralkomitee befürworteten die neue Methode, weil es wegen der kommunistischen Misswirtschaft einen notorischen Mangel an Nahrungsmitteln gab. Die Erfolge der Lyssenko-Methode waren bescheiden, trotzdem hielten die Kommunisten daran fest. Es gab dafür ideologische Gründe. Erstens hielten die Kommunisten die Mendelschen Erbgesetze für eine klerikal-reaktionäre Irrlehre. Zweitens mussten die Sowjetmenschen an die „Vererbung erworbener Eigenschaften“ glauben. Anerzogene Eigenschaften sollten sich demnach biologisch weiter vererben - eine wichtige Voraussetzung für den Weg in die kommunistische Gesellschaft.

Stalin protegierte Lyssenko, der dadurch einflussreicher wurde. Die Misserfolge der landwirtschaftlichen Kolchosen wurden durch erfundene Erfolgsmeldungen vertuscht, und die seriösen sowjetischen Wissenschaftler wurden mundtot gemacht. Das beschleunigte den Niedergang der sowjetischen Landwirtschaft, zumal auch die vermeintlich „reaktionäre westliche“ Genetik abgelehnt wurde. Der Lyssenkoismus ist ein besonders abschreckendes Beispiel für eine politische Indoktrinierung der Wissenschaft.




© 2016 Rudolf Öller, Bregenz