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BETRUG (5): PSYCHOANALYSE


Irrtümer, Fälschungen und Betrügereien kommen in der Psychologie und anderen Kulturwissenschaften häufiger vor als in den Naturwissenschaften, weil in der Psychologie Versuchsanordnungen nicht so exakt wiederholbar sind wie es in der Biologie, der Chemie und der Physik der Fall ist. Fälschungen werden in den Naturwissenschaften relativ rasch entdeckt. In der Psychologie können absichtliche und unabsichtliche Fehler manchmal ein Jahrhundert überleben, wobei angemerkt werden muss, dass psychologische Studien nicht automatisch falsch sein müssen, aber die Gefahr von Irrtümern ist hoch.  

Menschen sind komplizierte Wesen, vor allem aber sind Menschen verschieden, daher können Versuchsanordnungen so gestaltet werden, dass gewünschte Ergebnisse zustande kommen. In den Kulturwissenschaften besteht somit permanenter Ideologiealarm. Vor allem im Bereich der Psychoanalyse wurden von Anfang an Grundregeln der Objektivität und Korrektheit vernachlässigt. Ein besonderes Fälschungstalent entwickelte der Pädagoge Bruno Bettelheim, von dem nächste Woche die Rede sein wird.   

Sogar naturwissenschaftlich orientierte Psychologen streiften am Betrug an. 1977 gestand der englische Biochemiker Robert Gullis ein, dass seine Forschungen über die Entstehung von Angst weitgehend erfunden waren.

Die schlimmsten Folgeschäden in der Psychologie entstanden durch die Erfindung der multiplen Persönlichkeiten. Diese kommen zustande, wenn labilen Patienten mit psychischen Problemen unterschiedliche Persönlichkeiten eingeredet werden. Am berühmtesten ist Robert Stevensons Horrorgeschichte vom aufrechten Dr. Jekyll, der sich unter Drogeneinfluss in den Mörder Hyde verwandelt. Wahrscheinlich diente diese Erzählung der Weltliteratur als Vorlage für phantasiebegabte Psychoanalytiker.

Der Fall „Sybil“ steht stellvertretend für zahllose Betrugsgeschichten. 1973 veröffentlichte die Journalistin Flora Schreiber einen Bestseller über eine Patientin, die sie - anonym - Sybil nannte. In 2534 Behandlungsstunden (!), die sich über ein Jahrzehnt hinzogen, hatte die Psychoanalytikerin Cornelia Wilbur nicht weniger als 16 Persönlichkeiten in Sybil entdeckt. Eine Persönlichkeit war depressiv, eine andere selbstbewusst. Als ein Film über den Fall Sybil erschien, stiegen die Diagnosen multipler Persönlichkeiten in den USA sprunghaft an.

Nachdem der Psychologe Robert Rieder auf Tonbandgespräche gestoßen war, in denen die Psychoanalytikerin und die Journalistin den Verlauf einer Therapiestunde samt Resultat im Vorhinein besprochen hatten, veröffentlichte Rieder den Schwindel. Der pseudowissenschaftliche multiple Betrug war damit zu Ende. 




© 2016 Rudolf Öller, Bregenz