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MACHT UND IGNORANZ (3)


Das Buch „Impostures Intellectuelles“ (wörtlich „Intellektuelle Hochstapeleien“, deutscher Titel „eleganter Unsinn“) von Alan Sokal und Jean Bricmont ist keine leichte Lektüre, aber sehr aufschlussreich.

Es geht um bekannte Kulturwissenschaftler, wie Gilles Deleuze, Félix Guattari, Luce Irigaray, Julia Kristeva, Jacques Lacan und andere. Sokal und Bricmont zielen auf den Missbrauch naturwissenschaftlicher Begriffe, was in Pseudowissenschaften leider Mode geworden ist. Die Vorwürfe können folgendermaßen  zusammengefasst werden:

(1) Die weitschweifige Darstellung naturwissenschaftlicher Theorien, von denen man günstigstenfalls eine vage Vorstellung hat; (2) Die Übernahme von Begriffen aus den Naturwissenschaften in die Geistes- und Sozialwissenschaften ohne die geringste inhaltliche Rechtfertigung; (3) Die Zurschaustellung von Halbbildung, indem man unverschämt mit Fachbegriffen um sich wirft, die im konkreten Zusammenhang irrelevant sind; (4) Die Verwendung von banalen Schlagworten und Sätzen.

Die genannten Philosophen sprächen laut Sokal und Bricmont "mit einem Selbstbewusstsein, das ihre wissenschaftliche Kompetenz bei weitem übersteigt". Es wird betont, dass Philosophie, Geistes- und Sozialwissenschaften in ihrer Gesamtheit nicht angegriffen werden. Es gehe nur um die Warnung vor Scharlatanen, deren Sätze nur deshalb so schwer zu verstehen sind, weil sie nicht tiefgründig, sondern unerträglich hohl sind.

Das Problem zwischen Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften liegt in der Verwendung von Begriffen. „Energie“ ist in der Physik genau definiert, in der Philosophie und Esoterik kann es alles Mögliche bedeuten. „Quanten“ bedeuten in der Physik etwas ganz Bestimmtes, außerhalb der Physik haben sie nur literarische Bedeutung. Irrationale Zahlen und imaginäre Zahlen sind in der Mathematik zwei völlig verschiedene Begriffe, aber der Psychoanalytiker Jacques Lacan verwechselt sie laufend und wendet sie unsinnigerweise auf unsere Psyche an. Die Psychoanalytikerin Luce Irigaray schrieb „ … geht man von Einsteins Interesse für die Beschleunigung ohne elektromagnetisches Gleichgewicht aus …“. Dass der Begriff „elektromagnetisches Gleichgewicht“ gar nicht existiert, scheint sie nicht zu kümmern.

Wir leben in einer Welt voll von seichtem Geplapper. Geistvolle Aufsätze und Filme scheinen nur noch wenigen Medien vorbehalten zu sein. Hier haben unsere Schulen anzusetzen. Möglichst viele Schulabgänger sollten Phrasendrescher erkennen können. Die „Sciencebusters“, eine sehenswerte wissenschaftliche Kabarettgruppe, bringen es mit ihrem Leitsatz auf den Punkt: „Wer nichts weiß, muss alles glauben“.




© 2016 Rudolf Öller, Bregenz