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NICHT MEHRHEITSFÄHIG


Naturgesetze werden nicht demokratisch festgelegt, sondern durch Überprüfung und Bewährung in der Praxis. Die „Kirchhoffschen Regeln“ beispielsweise, die in der elektrischen Schaltungstechnik die zentrale Rolle spielen, sind durch die Natur vorgegeben. Demokratische Abstimmungen über diese Regeln wären nicht nur überflüssig, sondern lächerlich.

Es gibt aber Beispiele, wie demokratische Entscheidungen, wenn auch im Kleinen, den Gang der Wissenschaftsgeschichte auf Jahrhunderte beeinflusst haben. Berühmt ist das Beispiel des Prozesses gegen den italienischen Physiker Galileo Galilei. Kürzlich war hier davon die Rede unter dem Titel „Das Dekret von 1616“. Es war nicht die Kirche, die Galileo Galilei wegen seinen vermeintlich ketzerischen Äußerungen verurteilt hatte, sondern die Inquisition, die vom Dominikanerorden befehligt wurde. Bei der Urteilsverkündung im Juni 1633 in Rom waren nicht alle Kardinäle anwesend. Es ist bekannt, dass es damals Theologen gab, die das Urteil für einen Fehler hielten. Hätten diese Gottesmänner eine Mehrheit gebildet, dann wären die modernen Naturwissenschaften nicht aus England, Frankreich und Deutschland, sondern aus Italien gekommen.

Im Mittelalter war Theologen klar geworden, dass die Bibel für die Erklärung der Welt nicht mehr ausreicht. Thomas von Aquin (1225 – 1274) erhob damals griechische Philosophen, allen voran Aristoteles von Stageira, zur Ehre der Altäre. Das verstärkte Nachdenken über die diesseitige Welt war von diesem Zeitpunkt an erlaubt. Der Keim zur Neuzeit wurde also nicht erst in der Renaissance, sondern schon im 13. Jahrhundert gelegt. Eine Mehrheit der damals Mächtigen in Kirchen, Klöstern und Burgen folgte den Ideen des Thomas und bereitete für Bildung und Wissen den Weg. Es hätte auch anders kommen können.

Der moslemische Philosoph und Arzt Abu l-Walid Muhammad bin Rušd, kurz „Ibn Rushd“, latinisiert „Averroës“, hatte die gleichen Gedanken wie Thomas von Aquin. Averroës lebte im 12. Jahrhundert im damaligen Al Andalus, dem heutigen Spanien. Er sah in der Logik eine Möglichkeit, glücklich und zufrieden zu werden. Die Logik (nach Aristoteles) war für ihn ein Weg, zu Wissen und Wahrheit zu gelangen. Averroës predigte - so wie Thomas - eine zweifache (diesseitige und jenseitige) Wahrheit, die eine Trennung zwischen den vernünftigen Erkenntnissen der Wissenschaft und den übersinnlichen Erfahrungen des Glaubens ermöglichte. Diese Betrachtungen waren im Islam nicht mehrheitsfähig, die moslemischen Gelehrten folgten Averroës klugen Ideen nicht. Zwei gleiche Theorien aber unterschiedliche Reaktionen darauf teilen die Welt der Wissenschaft bis heute in ein Abend- und ein Morgenland.




© 2016 Rudolf Öller, Bregenz