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DER "GROSSE SPRUNG NACH VORNE"


Der wissenschaftliche und technische Fortschritt wurde von keinem Monarchen und keinem Politiker befohlen. Fortschritt ist ausschließlich ein Kind freier Grundlagenforschung, er kann kurzfristig unterbunden, nicht aber angeordnet werden. Die industrielle Revolution begann in England. Eine Dampfmaschine ersetzte die Muskelkraft von tausenden Menschen. Technik und Industrie nahmen nach dem amerikanischen Bürgerkrieg Fahrt auf. Männer wie John D. Rockefeller, Andrew Carnegie, John P. Morgan, Henry Ford und andere veränderten innerhalb eines halben Jahrhunderts das Gesicht der USA und der halben Welt. Es kam dabei zur Bildung von Monopolen, die durch die Regierung von US-Präsident Theodore Roosevelt zerschlagen wurden. Da die Industriellen Anteile der neu entstandenen Firmen („Exxon“ war beispielsweise ein Kind von Rockefellers „Standard Oil“) behalten durften, wurden die so „entmachteten“ Kapitalisten noch reicher. Den Kommunisten gefiel das natürlich nicht. Marx, Engels und Lenin propagierten daher den gewaltsamen Umsturz aller Gesellschaftsordnungen. 

Mao Tse tungs Kommunisten waren 1949 an die Macht gekommen. Da China ein Agrarstaat war, ersuchte Mao die Russen um Hilfe bei der industriellen Aufrüstung. In nur einer Generation sollte zum Westen aufgeschlossen werden. Das konnte nicht gutgehen, denn 200 Jahre technischer Fortschritt kann nicht kurzfristig nachgeholt werden.

Als Stalin Hilfe zusagte, begann in China eine Landreform. Die enteigneten Grundbesitzer, ungefähr eine Million Menschen, wurden kurzerhand ermordet. Devisen waren keine vorhanden, und die Landwirtschaft war nicht exportfähig. Mao brauchte aber Geld. 1953 kam es zu Zwangsenteignungen. Nach stalinistischem Vorbild wurden Kolchosen gebildet. Der Großteil der Ernte musste an den Staat abgeliefert werden, der damit seine Auslandsschulden bediente. Der vom „großen Vorsitzenden Mao“ befohlene „große Sprung nach vorne“ sollte auch die Stahlproduktion vervielfachen. Da die Kapazitäten der Stahlfabriken nicht ausreichten, wurde den Bauern befohlen, kleine Hochöfen zu bauen und Stahl zu erzeugen. Die Produktion von Nahrungsmitteln ging weiter zurück. Der Hunger wurde unerträglich.

Die kommunistische Partei stellte sich taub und sah zu, wie Teile des Volkes elend zugrunde gingen. Die Schätzungen sprechen von dreißig bis fünfzig Millionen (!) Hungertoten. Das war Massenmord, der bis heute als „witterungsbedingte Missernten“ verleugnet wird. Es ist für manche Politiker schwer verständlich, dass Fortschritt nicht angeordnet werden kann. Kunst und Wissenschaft brauchen Geldmittel und Freiheiten, das genügt. Politischer Einfluss ist mehr als entbehrlich.




© 2016 Rudolf Öller, Bregenz