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EVOLUTION: NEUE ARTEN


Noch nie hat jemand beobachtet, dass ein Elch ein Kamel geboren hat. Kritiker der Artentstehungstheorie bringen meist diesen Kalauer, um die Evolutionstheorie lächerlich zu machen. Selbstverständlich bringen Hunde keine Katzen und Schweine keine Schafe zur Welt. Die Entstehung neuer Arten geschieht langsam und offenbart sich in der Anfangsphase nur dem Genetiker.

Die Frage, ob sich die Entstehung neuer Arten sowohl in der Natur als auch im Labor beobachten lässt, kann man seit vier Jahrzehnten bejahen. Zunächst trennen sich zwei Populationen einer Art örtlich oder zeitlich. Ein Sturm bläst Pflanzensamen, Vögel, Insekten, Spinnen u.a. über einen Berg, wo sie weiterleben können. Das hat eine örtliche Trennung zur Folge. Es kann auch sein, dass eine Insektenart Jahre benötigt, um sich von der Larve zum fertigen Tier zu entwickeln, wie etwa beim Hirschkäfer oder beim Maikäfer. Dann kommt es zu zeitlich getrennten Populationen. Diese getrennten Populationen können tausende Generationen existieren, bis es zu unterschiedlichen Gen- und Chromosomenmutationen kommt. Kann man Tiere oder Pflanzen der Gruppe A nicht mehr mit denen der Gruppe B fruchtbar kreuzen, dann sind zwei Arten entstanden, die sich zunächst äußerlich nicht voneinander unterscheiden. Diese Arten nennt man Zwillingsarten, Geschwisterarten oder „sibling species“.

Zwillingsarten finden sich in vielen genau analysierten Verwandtschaftsgruppen, wie beispielsweise bei Drosophila (Taufliege), bei Vögeln (Sumpf- und Weidenmeise, Nachtigall und Sprosser, Fitis und Zilpzalp) und bei sehr vielen Pflanzen. Es gibt sogar Arten, die gerade dabei sind, sich aufzuspalten. In diesem Fall findet man Populationen, bei denen Paare naher Populationen gute Fruchtbarkeit zeigen, Paare weit entfernter Gruppen aber nur noch minimalen Bruterfolg zeigen. Dieser Effekt ist bei Insektenarten besonders gut dokumentiert.

Als Student habe ich von meinem Professor ein paar afrikanische Insekten auf den Labortisch bekommen mit der Bitte, gut erkennbare Enzymmarker für ein oder mehrere Chromosomen zu finden und zu isolieren. Dabei stellte sich heraus, dass es sich bei den Insekten um zwei Geschwisterarten handelte. Das ist Evolution, die direkt vor der Nase stattfindet, ein Erlebnis, das man nie vergisst. Es ist auch möglich, Chromosomenstrukturen künstlich so zu verändern, dass Artbarrieren entstehen. Damit kann man neue Arten im Labor erzeugen. Die Frage, ob man die Entstehung neuer Arten beobachten kann, ist somit geklärt. Wie sieht es aber mit der Entstehung großer Tierstämme aus? Demnächst mehr dazu.

Buchtipp: Richard Dawkins, „Der erweiterte Genotyp – der lange Arm der Gene“, Spektrum Verlag.






© 2015 Rudolf Öller, Bregenz