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SPIONAGE: FAREWELL


Die folgenschwerste Spionageaffäre der Geschichte war der Fall „Farewell“. Der Russe Wladimir Wetrow hatte Technik studiert und bekam eine Anstellung in einer Behörde in Moskau. Eines Tages wurde er vom sowjetischen Geheimdienst KGB angeworben und zum Spion ausgebildet. 1965 kam Wetrow offiziell als Handelsdeligierter nach Paris, inoffiziell konzentrierte er sich auf Industriespionage. In Paris freundete er sich mit Jacques Prevost von Thomson Elektronik an, stahl Betriebsgeheimnisse und schickte sie nach Moskau. Wetrow wurde zum Trinker. Als er eines Tages alkoholisiert einen Unfall verursachte, bereinigte Prevost die Sache durch seine Beziehungen.

Später wurde Wetrow nach Kanada geschickt, doch auch dort blieb er nicht lange, weil er wegen seiner Trunksucht mehrere Unfälle verursachte. Er wurde nach Moskau befohlen und erhielt einen Schreibtisch im KGB-Hauptquartier. Wetrow hatte sich an das süße Leben im Westen gewöhnt und war nun zutiefst frustriert. Als er sich wieder einmal betrank, reifte der Plan, sich zu rächen. Er begann, streng geheime Dokumente zu kopieren und schickte sie über einen Kurier an seinen Freund Prevost, der sie an Marcel Chalet, den Chef des französischen Nachrichtendienstes DST (Direction de la Surveillance du Territoire) übergab. Chalet ließ die Dokumente übersetzen und erkannte deren Bedeutung.

Wetrow hatte inzwischen eine Beziehung zu einer Kollegin begonnen, die ihm Zugänge zu weiteren Geheimpapieren verschaffte. Als DST-Chef Chalet die Brisanz der gelieferten Unterlagen überblickte, bekam Wetrow den Decknamen „Farewell“ und wurde mit einer Spezialkamera ausgestattet. Chalet informierte Präsident Mitterand, der wiederum den amerikanischen Präsidenten Reagan aufgeklärte. Nachdem die CIA die zigtausenden von Farewell gelieferten Papiere analysiert hatte, saß der Schock tief. Die Spionagetätigkeit des KGB stellte sich erheblich intensiver heraus als angenommen. 

Es gab zwei Gründe, warum Wetrow ungehindert agieren konnte. Die sowjetische Spionageabwehr hielt den ständig betrunkenen KGB-Beamten für harmlos. Zudem wurde der französische Nachrichtendienst im Gegensatz zur CIA nicht ernst genommen und daher kaum überwacht. Nachdem Wetrow im Suff seine Geliebte schwer verletzt und einen Polizisten getötet hatte, kam er ins Gefängnis. Dort prahlte er mit seinen Spionagegeschichten, was 1985 zu seiner Hinrichtung führte.

Wetrows Aktivitäten hatten den westlichen Regierungen die technologisch-militärische Schwäche der Sowjetunion vor Augen geführt. Allein aus diesem Grund beharrte die NATO auf ihrem riskanten „Doppelbeschluss“ vom Dezember 1979, was dem Sowjetkommunismus das Rückgrat brach.




© 2015 Rudolf Öller, Bregenz