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DAS KREUZ MIT DEN ZAHLEN


Analphabeten, sekundäre Analphabeten (Menschen, die das Lesen und Schreiben verlernt haben) und funktionale Analphabeten (Menschen, die Texte lesen, aber nicht verstehen können) haben in Industrienationen ein Problem, weil sie auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbar sind.

Es gibt auch Legastheniker, die Probleme mit der Rechtschreibung haben. Die können sich auf dem Arbeitsmarkt zwar behaupten, aber qualifizierte Berufe wie Richter, Ärzte, Lehrer oder Polizisten sind ihnen verwehrt. Analphabeten fallen wenig auf, weil sie Tricks beherrschen, ihre Unkenntnis zu vertuschen. Man lese den großartigen Bestseller „Der Vorleser“ von Bernd Schlink. Legastheniker entdeckt man erst dann wenn sie gebeten werden, einen Bericht zu schreiben.

Erstaunlicherweise hört oder liest man von Einschränkungen, die das Rechnen betreffen, sehr wenig. Es entstanden in diesem Zusammenhang klangvolle Bezeichnungen, wie Dyskalkulie, Konkretismus, Anumeriker und Innumeraten. Die Begriffe besagen im Wesentlichen, dass die betreffenden Menschen mit Zahlen und einfachsten Rechnungen wenig bis gar nichts anfangen können. Diese „Anumeriker“ kommen nicht nur in den so genannten bildungsfernen Schichten vor. Der deutsche Unternehmer Rainer Janßen schrieb dazu: „Ein Wirtschaftspolitiker wurde einmal gefragt, wie viele Nullen eine Milliarde hat. Er gab drei Schätzungen ab, aber alle drei waren falsch! Ich kann nicht beweisen, dass es eine wahre Geschichte ist, aber bisher hat sie noch niemand angezweifelt … das heißt sie erscheint doch wahrscheinlich“. Vor diversen Bankenzusammenbrüchen dürften gut bezahlte Anumeriker im Vorstand gesessen haben.

Auch ein bekannter Wiener Autor, der als „Bildungsexperte“ bezeichnet wird, hat sich in einer ORF-Sendung peinlich blamiert. Erstens kannte er den Unterschied zwischen Millionen und Milliarden nicht, und die simple Rechnung „80 Millionen dividiert durch 8 Millionen“ ergab für ihn als Lösung „eins“.

Dyskalkulanten und Anumeriker erkennt man, wenn sie hemmungslos Kühlschränke, Möbel und Autos auf Kredit kaufen, bis der Exekutor kommt. Auch die Schuldenmacher in der Politik, die Kredite bis an den Rand der Staatspleite aufnehmen, sind nicht selten pathologische Ideologen oder Anumeriker, meist beides.

Wenn bessere Kenntnisse der Muttersprache eingefordert werden, so muss diese Forderung auf die Beherrschung der Grundrechnungsarten und der Größenordnungen (Millionen, Milliarden usw.) ausgedehnt werden. Die Behauptung, Mädchen könnten weniger gut rechnen als Buben, ist übrigens falsch. Frauen und Mädchen haben eine andere geometrisch-räumliche Wahrnehmung als Männer, aber das hat nichts mit Zahlen zu tun.

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© 2014 Rudolf Öller, Bregenz