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NEOPHOBIE


Die Welt ist so voll von Ängsten, dass die Frage erlaubt ist, ob es irgendetwas gibt, vor dem Menschen keine Angst haben. So kennen wir beispielsweise eine Agoraphobie,  das ist die Angst vor leeren Plätzen, eine Arachnophobie, die Angst vor Spinnen und eine Klaustrophobie, die Angst vor engen Räumen. Die Liste lässt sich endlos weiterführen. Neuerdings ist sogar von einer Homophobie die Rede. Homoi (griechisch) bedeutet gleich, nicht zu verwechseln mit dem lateinischen „homo“. Das bedeutet Mensch. Angst vor Menschen nennt man Soziophobie. Es ist nicht bekannt, ob es auch eine Nerophobie gibt, obwohl die Einführung dieses Begriffs berechtigt wäre. Kaiser Nero war ein selbstverliebter und raffgieriger Tyrann. Er plünderte als Alleinherrscher seine Untertanen aus, gleichzeitig verschleuderte er das Geld für Protz und Prunk wie kein anderer. Die Nerophobie wäre demzufolge die Angst vor steuergeldsüchtigen Politikern.

Wir entnehmen dem Nero das „r“ und wenden uns einer wenig bekannten Angst zu, der Neophobie. Das ist die Angst vor Neuem. Seit die Menschen mit Hilfe ausgeklügelter Experimente und Theorien der Natur Geheimnisse entlocken, seit neues Wissen immer rascher das Bild des Menschen und der Welt erweitert, seit dieser Zeit haben die Menschen auch Angst vor Neuem. Die Angst begann im 16. Jahrhundert während der Renaissance.  

Die Neophobie erwachte mit der Einführung des physikalischen Experiments durch Galileo Galilei. Die Kirche bekam Angst, weil das Experiment eine bis dahin unbekannte Methode war, der Natur Geheimnisse zu entlocken. Über Jahrhunderte hatte man bei Bedarf in alten Büchern nachgeschlagen, etwa in der Bibel oder bei Augustinus und Platon. Das genügte damals. Nach dem 16. Jahrhundert genügte das nicht mehr.

Die Männer der Wissenschaft holten uns arme Geschöpfe nach und nach aus dem warmen Nestchen einer überschaubar kleinen Welt und stießen uns in einen riesigen Kosmos. Die Erde war nicht mehr Mittelpunkt des Weltalls, sondern ein Staubkorn in der Unendlichkeit. Alles schien plötzlich verloren in Raum und Zeit wie Tränen im Regen. Die Angst war jedoch sinnlos, denn das Weltall war immer schon unvorstellbar gigantisch. Es hatte sich nichts geändert, außer unser Wissen darüber. Irrationale Ängste gibt es auch heute noch. Bürgerinitiativen wandten sich vor Jahren sogar gegen eine Digitalisierung von TV und Telefon. 

In der diesjährigen - traditionellen - Sommerserie des Scheinwerfers geht es um die Angst vor neuen Erkenntnissen und Techniken. Der Reihe nach kommen zur Sprache: Galileo Galilei, William Harvey, Isaac Newton, Charles Darwin, Albert Einstein, Edward Jenner, unsichtbare Strahlen, die Quantenphysik, CERN und die Gentechnik.




© 2014 Rudolf Öller, Bregenz