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PUBLIKUMSJOKER


Bald sind, Gott sei’s geklagt, wieder Wahlen. Niemand hasst den Wahltag mehr als die Wahlhelfer, die den Sonntag mit dem Wahlvorgang und der nachfolgenden Auszählung verplempern dürfen. Viele Bürger werden diesmal aus Unzufriedenheit nicht zu den Wahlurnen gehen und damit das Ergebnis insofern beeinflussen, dass wenige Wähler ein anderes Resultat erzeugen als viele. Das Thema sei an Beispielen erläutert, die zeigen, wie mehr Menschen zielsicherer tippen als wenige.

Der Quizkandidat sitzt auf dem TV-Folterstuhl, der Moderator wartet auf eine Antwort, doch der Kandidat kann sich nicht entscheiden. Schließlich nimmt er den Publikumsjoker in Anspruch. In der Regel akzeptiert der Prüfling die Antwort, die von der Mehrheit im Publikum vorgeschlagen wird. Das ist vernünftig, denn in der amerikanischen Version der Millionenshow hat die Mehrheit des Publikums in 91% der Fälle Recht. Die Telefonjoker ergeben insgesamt eine Trefferquote von zwei Drittel.

1906 besuchte der britische Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton eine Nutztiermesse in der Nähe von Plymouth. Dort sollten Besucher das Gewicht eines Ochsen schätzen und den Wert auf eine Karte schreiben. Galton überprüfte die 787 Einschätzungen und stellte verblüfft fest, dass der Durchschnittswert fast auf das Pfund genau dem Gewicht des Ochsen entsprach. Die „Schwarmintelligenz“ hatte einen Volltreffer gelandet, obwohl einzelne Schätzungen beträchtlich daneben lagen. Galton war so beeindruckt, dass er die Sache in der Zeitschrift „nature“ veröffentlichte.

Der bekannte TV-Physiker Ranga Yogeshwar präsentierte vor einigen Jahren in der Sendung „Quarks & Co“ einen ähnlichen Versuch. Die Zuschauer sollten die Zahl von Perlen in einem Glasgefäß schätzen. Nach vier Tagen hatten ungefähr 16.000 Zuseher ihre Schätzung per Internet abgegeben. Es waren 5.780 Perlen im Gefäß, der durchschnittliche Zahlenwert der Zuseher ergab 5.718. Wieder lagen die meisten Teilnehmer daneben, aber alle zusammen zielten fast punktgenau ins Schwarze. Auch dieses Ergebnis wurde in der Fachzeitschrift „nature“ veröffentlicht.

Nun könnte man meinen, alle demokratischen Abstimmungen führten direkt zur Wahrheit. Leider ist das nicht der Fall, denn das Gewicht eines Ochsen und die Zahl von Kugeln sind einfache und messbare Größen. Die Aussagen von wahlwerbenden Parteien sind dagegen kunterbunt, nicht selten banal und fiktiv. Auch die (gewollte oder ungewollte) Manipulation durch Medien und subjektive Wertungen spielen eine Rolle. Trotzdem hofft jeder aufrechte Demokrat, dass, auch wenn der einzelne Wähler daneben liegen mag, die große Masse umso besser wählt, je mehr Bürger sich beteiligen. Schön wär’s.




© 2014 Rudolf Öller, Bregenz