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DER MEDICUS


Der Film „Der Medicus“ enthält eine packende Geschichte, eine Erzählung über das europäische Mittelalter und das hell glänzende Morgenland. Tatsächlich war die Gegend des heutigen Irans damals ein Zentrum der Wissenschaft. Sogar die Bibel berichtet über Weise aus dem Osten, die nach Bethlehem kamen. Die Filmhandlung ist rasch erzählt, ohne die Spannung zu nehmen. Ein englisches Waisenkind namens Robert Cole wird von einem vagabundierenden Quacksalber aufgenommen und in ein paar Heilkünste eingewiesen. Irgendwann trifft Robert auf einen jüdischen Heiler, der ihm von einem sagenhaften Arzt namens Ibn Sina in Persien erzählt. Robert verlässt seine Heimat, beschneidet sich selbst und gibt sich als Jude aus, weil Christen im Osten verfolgt und getötet werden, Juden jedoch nicht. In der Stadt Isfahan lernt er Ibn Sina (im Film großartig gespielt von Ben Kingsley) und die Kunst des Heilens kennen.

Die ganze Geschichte ist garniert mit Freundschaft, Liebe, Verrat, Krieg und Tyrannei. Das Spannendste aber ist der reale Hintergrund. Ibn Sina hat es tatsächlich gegeben. Er hieß Abu Ali al-Husain Ibn Abdullah Ibn Sina, in Europa bekannt unter seinem lateinischen Namen „Avicenna“ (980-1037). Avicenna war ein persischer Arzt, Physiker, Chemiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker, Astronom und Musiktheoretiker. Er zählt zu den bekanntesten Persönlichkeiten seiner Zeit. Ein anderer Naturwissenschaftler und Arzt war Abu Bakr Muhammad Ibn Zakariya ar Razi (865-925), genannt „Rhazes“. Diese Perser hatten die Werke großer Männer wie Hippokrates und Aristoteles neu entdeckt, übersetzt und zusammen mit ihrer Wissenschaft und dem modernen arabischen Zahlensystem nach Europa gebracht. Das von den Arabern importierte antike Wissen wurde in der Folge von Theologen im Hochmittelalter teilweise in die Kirchenlehre eingebaut. Das Mittelalter war somit nicht ganz so finster, wie manchmal vermutet wird.

Im Film wird angedeutet, wie die Heilkunst von Ibn Sina nach Europa kam. Damals wusste noch niemand, dass damit der Keim für den unaufhaltsamen Aufstieg Europas als Wissenschafts-, und damit als Kulturmacht gesät wurde. Zur gleichen Zeit wurde die weltliche Wissenschaft des Islams durch religiöse Fanatiker nachhaltig ruiniert. In der Zeit der Renaissance, Jahre nachdem antike und arabische Ideen in Europa Fuß gefasst hatten, begann Europas wissenschaftliche und künstlerische Blütezeit, denn Wissen und Kunst sind Kinder der Freiheit. Die Länder des Islams erlebten zur gleichen Zeit einen Niedergang durch den Verfall ihrer Wissenschaften.

Der Film „Der Medicus“ zeigt die kulturelle Geburt Europas durch antikes und arabisches Wissen.




© 2014 Rudolf Öller, Bregenz