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PROFESSOR ZUFALL: MENDEL


Johann Mendel trat 1843 als junger Mann ins Königinkloster in Brünn ein. Die Stadt liegt im heutigen Tschechien, gehörte damals aber zu Österreich. Im Kloster erhielt er den Namen Gregor(ius). Mendel begann 1850 an der Universität Wien ein Zoologie-, Botanik- und Physikstudium, schaffte aber keine Abschlussprüfung, weil er während des Prüfungsgesprächs erwähnte, dass er sich mit Pflanzenkreuzungen beschäftigte, was dem prüfenden Professor nicht gefiel.

In seiner Freizeit führte Mendel Versuche durch, die in ihrer Einfachheit genial waren. Zunächst sortierte Mendel Pflanzen nach reinen Rassen aus, die alle das gleiche Merkmal hatten, wie etwa die gleiche Blütenfarbe, Wuchshöhe usw. Mendel kreuzte niedrige mit hohen Erbsenrassen und fand in der Folgegeneration nur hohe Pflanzen. Die Eigenschaft des Niedrigwuchses schien verloren gegangen zu sein. Mendel kreuzte die Mischlinge untereinander weiter, und es entstanden reine niedrigwüchsige, reine hochwüchsige und nicht reinstämmige hochwüchsige Pflanzen. Die verloren geglaubte niedrigwüchsige Eigenschaft war wieder erschienen.

Mendel begnügte sich nicht mit dem Einkreuzen und Auszählen von Merkmalen, er entwickelte eine Theorie. Mendels Erklärung ging davon aus, dass jede Pflanze zwei Erbfaktoren für ein Merkmal, z. B. für die Wuchshöhe, Fruchtfarbe usw. enthalte. Bei der Fortpflanzung trennten sich die Erbanlagen und würden in der nächsten Generation neu kombiniert. Mendel bewies im Laufe der Jahre, dass die Vererbung auch anderer Eigenschaften auf diese Weise erklärt werden kann.

Mendel publizierte 1865 eine Zusammenfassung seiner Experimente, führte seine Versuche aber nicht weiter fort, nachdem niemand von seinen Arbeiten Notiz genommen hatte. Auch der große englische Biologe Charles Darwin, den Mendel bewunderte, bekam Mendels Arbeiten auf den Schreibtisch, beachtete sie aber nicht – wahrscheinlich aus Zeitmangel. Das war ein Fehler, denn Mendels Regeln hätten den fehlenden Schlussstein zu Darwins Evolutionstheorie gebildet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts führten drei Biologen, der Holländer Hugo de Vries, der Deutsche Karl Erich Correns und der Österreicher Erich Tschermak von Seysenegg Versuche mit Pflanzen durch, wie sie Mendel zuvor schon gemacht hatte. 1900 veröffentlichten sie ihre Ergebnisse, erkannten aber, dass Mendel vor ihnen zu den gleichen Resultaten gekommen war. Correns, Tschermak und de Vries waren anständige Männer und nannten ihre (wieder) entdeckten Regeln „Mendelsche Erbgesetze“. Nur durch eine Mischung aus Zufall und Ignoranz hatten die Biologen des späten 19. Jahrhunderts die wahre Bedeutung von Mendels Theorien drei Jahrzehnte lang nicht beachtet.




© 2013 Rudolf Öller, Bregenz