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EPIGENETIK


In Buchhandlungen nehmen esoterische Bücher ungefähr dreimal so viel Platz ein wie naturwissenschaftliche. Es gibt dabei eine Zwischenkategorie. Das sind Bücher, die naturwissenschaftliche Sensationen verkünden, die in Wahrheit keine sind.

Man stelle sich folgenden fiktiven Text in einem aktuellen Buch oder einer Zeitschrift vor: „Was viele Techniker immer noch nicht für möglich halten, ist Realität geworden: Man kann Autos nicht nur mit Benzin, sondern auch mit Diesel betreiben. Mehr noch. Man kann mit Kerosin sogar Flugzeuge zum Fliegen bringen.“ Techniker würden in diesem Falle den Text dem Papiercontainer übergeben. In der Biologie scheint dergleichen Unfug möglich zu sein, denn seit einigen Jahren geistert ein Begriff durch die Medien, die so genannte „Epigenetik“. Ganze Bücher wurden geschrieben, wie etwa von Joachim Bauer: „Das Gedächtnis des Körpers“ und Johannes Huber: „Liebe lässt sich vererben“. „Epi“ bedeutet „darüber“, damit soll angedeutet werden, dass die Epigenetik quasi über angeblich veraltetes Wissen erhaben ist.

Es heißt da beispielsweise „Der alte Streit zwischen denjenigen, die Gene für die allein Verantwortlichen für alle Körpervorgänge halten, und den anderen, die Umwelteinflüsse für wichtiger halten, ist Schnee von gestern. Beide, Gene und Umwelt, wirken zusammen.“ Die Evolutionsbiologen wissen das schon lange, und zwar seit über fünfzig Jahren. Weiter heißt es: „Die Regulation der Genaktivität wird … durch regulatorische Sequenzen vermittelt …“ Es wird hier berichtet, dass sich Gene ein- und ausschalten lassen. Es ist angeblich eine brandneue Entdeckung, doch der erste Nobelpreis für die Erforschung der Genregulation wurde bereits 1965 (Jacob, Lwoff und Monod) vergeben. Regelmäßig passieren den Autoren (Bauer) auch Fehler: „In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckten die Nobelpreisträger Watson und Crick die biochemischen Buchstaben der Erbsubstanz, den so genannten genetischen Code.“ Nein, Watson und Crick haben 1953 die Struktur der Erbsubstanz – nicht den Code - entschlüsselt, die „biochemischen Buchstaben der Erbsubstanz“ wurden sogar noch früher isoliert.

Aufgeregtheit herrscht auch um den Begriff der „Methylierung“. Es handelt sich dabei um die Fähigkeit einer Zelle, eine eingedrungene fremde Erbmasse abzuschalten. In populärwissenschaftlichen Epigenetikbüchern wird dieser schon seit rund vierzig Jahren bekannte Vorgang als allerneueste Supersensation verkündet, aber ein seit zwei Generationen bekannter genetischer Schaltmechanismus ist keine Supersensation. Angelesenes Wissen kann, in Buchform verpackt, Geld bringen, ist aber wissenschaftlich gesehen bedeutungslos.




© 2012 Rudolf Öller, Bregenz