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PROJEKTKINDER


Eine Meldung lief kürzlich durch die Welt der Medien: „Diese Erkenntnis könnte die Medizin und die Gesellschaft verändern: Erstmals haben Forscher das Genom eines Embryos aus dem Blut der Mutter und dem Speichel des Vaters entschlüsselt, ohne Eingriffe in den Mutterleib. Tests auf Erbkrankheiten werden radikal vereinfacht.“ Biologen der Universität des Staates Washington in Seattle ist es angeblich gelungen, aus dem Blut der Mutter und dem Speichel des Vaters das komplette Genom (die Erbmasse) des Embryos zu analysieren. Bisher war das nur mittels einer Fruchtwasserpunktation möglich gewesen, was wiederum die Gefahr einer Verletzung des Embryos bedeutete.

Der Genetiker sieht etwas genauer hin, was am Beispiel der Blutgruppen erklärt werden soll. Es gibt das vom österreichischen Arzt Karl Landsteiner entdeckte A-B-0 Blutgruppensystem. Da jeder Mensch (fast) jedes Gen doppelt hat, nämlich eines vom Vater und eines von der Mutter, gibt es verschiedene Kombinationen. Wer die Allelkombinationen (das ist die korrekte genetische Bezeichnung) AA oder A0 besitzt, hat die Blutgruppe A. Die Allele BB oder B0 ergeben die Blutgruppe B, AB ergibt AB und 00 ergibt die Blutgruppe 0. Die Untergruppen und den Rhesusfaktor lassen wir der Einfachheit halber weg. Wenn nun – angenommen – der Vater die Allelkombination AA und die Mutter BB aufweisen, dann kann das Kind nur die Blutgruppe AB bekommen. Hat der Vater aber A0 und die Mutter B0, dann können bei den Kindern alle Blutgruppen auftauchen, nämlich A, B, 0 oder AB. Wenn man also die Gene der Eltern analysiert, kann man nur mit gewissen statistischen Wahrscheinlichkeiten voraussagen, wie sich die Gene beziehungsweise die Allele auf die Nachkommen verteilen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, das wusste schon Gregor Mendel vor rund 150 Jahren. Nun behaupten die Amerikaner aber, dass sie im mütterlichen Blut DNA-Bruchstücke des Embryos identifizieren können, wodurch die genetische Diagnose annähernd sicher erscheint.

Nehmen wir an, dass der neue Test funktioniert, dann handelt es sich um ein zweischneidiges Schwert. Eltern, die in Zukunft behinderte Kinder bekommen, werden sich den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit gefallen lassen müssen. Eines der größten sozialen Probleme unserer Wohlstands- und Wissenschaftsgesellschaft liegt darin, dass Kinder immer mehr zu Projekten verkommen. Sie müssen widerstandsfähig und fit sein, sie sollten die Matura haben, so als ob wir ohne Facharbeiter auskommen könnten, und Mütter dürfen nur noch gesunde Kinder gebären. Dieser Projektwahn wird letztlich nur eines bewirken: Wir werden mit all unserem Fortschritt immer unzufriedener und letztlich unglücklicher werden.



© 2012 Rudolf Öller, Bregenz