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WALPURGISNACHT


In der Nacht vor dem 1. Mai wird die nach der heiligen Äbtissin Walpurga benannte Walpurgisnacht gefeiert. Dieses ursprünglich mit Freudenfeuern begangene Frühlingsfest ist das Gegenstück zu Halloween, das genau ein halbes Jahr später in der Nacht auf den 1. November begangen wird. Walpurgisnacht war ursprünglich kein Fest der Hexen, sondern ein Fest des (neu erwachenden) Lebens. Dagegen ist Halloween ein herbstlich-heidnischer Totentanz, der heute mit allerlei Geister- und Maskengeblödel ins Lächerliche gezogen wird.

Walpurgisnachtfeste werden überall veranstaltet, besonders auf dem Brocken im deutschen Harz. Es gibt Gedichte und Musikstücke, Goethe hat die Walpurgisnacht sogar in seinem grandiosen Faust verewigt. Mit Beginn der Christianisierung Europas unter Karl dem Großen wurden Feste mit heidnisch-germanischen Wurzeln nach und nach verboten. Wer weiterhin die alten Feste feierte, wurde verdächtigt, eine Hexe zu sein oder mit dem Teufel im Bund zu stehen. Kirchenmänner verbreiteten das Gerücht, dass in der besagten Nacht die Hexen ausfliegen, um sich zu versammeln und auf die Ankunft des Teufels zu warten. Der Hexenwahn hat mit dem ursprünglichen Walpurgisfest nichts zu tun, sondern entstammt der Phantasie erotisch unterversorgter Männer. Es kam so weit, dass man sogar Frauen mit besonderen Fähigkeiten und medizinischen Kenntnissen, die so genannten „Kräuterweiber“, mit dem Teufel in Verbindung brachte.

Im Laufe der Jahrhunderte setzte sich der erfundene Hexenaberglaube in der Bevölkerung fest. Manche Bauern streuten geweihtes Salz auf die Türschwellen, um Haus und Vieh zu schützen. Auch das Aufhängen von Baldrianzweigen an den Stallungen sollte verhindern, dass das Vieh verzaubert wurde, da Hexen diesen Geruch angeblich nicht leiden können. Die Besen wurden in der Walpurgisnacht mit dem Reisig nach oben oder auch gekreuzt aufgestellt, was eine Hexenwehr sein sollte. In manchen Gegenden war es üblich, ein Messer ins Schlüsselloch zu stecken. Das Aufstellen eines Maibaumes, lautes Peitschenknallen und der Gang zum Walpurgisfeuer sollte Seuchen und Krankheiten fernhalten. In vielen Dörfern ging am Morgen des 1. Mai niemand vor dem ersten Hahnenschrei aus dem Haus, denn es galt ein Zusammentreffen mit den letzten Hexen der Nacht zu vermeiden. Die Walpurgisnacht schaffte sogar den Einzug in die Bauernregeln: Ist die Hexennacht voll Regen, wird's ein Jahr mit reichlich Segen!

In der Walpurgisnacht wird im Wildpark Grünau in Oberösterreich der Frühling begrüßt. Das ist ein Fest des Lebens, nicht der Hexen, denn das war Walpurgis ursprünglich. Das Leben zu feiern ist eine schöne Sache, egal ob heidnisch, christlich oder zoologisch.




© 2012 Rudolf Öller, Bregenz