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STATISTIK (4): UMFRAGEN


Sechsunddreißig Monate sind mehr als drei Jahre. Das „Journal of Consumer Research“ behauptet nach Vergleich vieler Studien, dass man bei Umfragen solche Ergebnisse erzielen kann, denn viele Menschen können mit Zahleneinheiten und Größenordnungen wenig anfangen. Bei Umfragen ergibt die Art der Fragestellung in Verbindung mit willkürlich gewählten Zahlenbereichen ein ganz bestimmtes Ergebnis. Bei Umfragen werden Wertbereiche von 0 bis 10 aber auch von 0 bis 100 verwendet. In der Wahrnehmung macht das einen Unterschied. Die Differenz zwischen 85 und 95 auf der Hundertskala ist in der intuitiven Wahrnehmung größer als zwischen 8,5 und 9,5 auf der Skala bis 10, obwohl der relative Unterschied gleich ist. Das Problem ist, dass man speziell bei Vergleichen kaum auf die Einheit achtet oder umrechnet. Psychologen bezeichnen das als "unit-effect".

Wie viele Menschen glauben, dass eine Milliarde zehn oder hundert Millionen sind? Der Leser wird ersucht, in einer Umfrage unter Verwandten und Bekannten das festzustellen. Die richtige Antwort „tausend Millionen“ wird man selten hören. Mitte Jänner befragte das Institut für „Freizeit- und Tourismusforschung“ tausend Personen und wollte wissen, ob sie die Gesamtschule wünschten, die schlechten Schülern hilft und gute Schüler fördert. 75 Prozent der Befragten befürworteten das, obwohl sie laut einer weiteren Frage gar nicht wussten, was eine Gesamtschule ist. Zur gleichen Zeit veranstaltete die „Kleine Zeitung“ eine Umfrage unter 605 Personen. Dabei kam das Gegenteil ans Tageslicht: 90 Prozent lehnen die Gesamtschule ab und 10 Prozent befürworten sie.

Eine Rolle beim Manipulieren von Meinungen spielt nicht nur der unit-, sondern auch der Barnum-Effekt. Es handelt sich dabei um eine Mischung von einfach bis nebulös artikulierten Aussagen. Gebildet klingende Formulierungen, sozial unterlegte Forderungen und suggerierende Behauptungen mit forschen Appellen nach mehr „Gerechtigkeit“ führen bei unkritischen Zeitgenossen zum erwünschten Zustimmungserfolg.

Der Schreiber dieser Zeilen gesteht, dass ihn Umfrageergebnisse bis hin zur „Sonntagsfrage“, welche Partei man am nächsten Sonntag wählen würde, kaum noch interessieren, denn in so gut wie allen Umfragen stecken fehlerhafte Gewichtungen und die Ideen des Amerikaners Phineas T. Barnum. Er war Museums- und Zirkusdirektor und bot ein buntes Programm, das jedem etwas zu bieten hatte („a little something for everybody“). Auch die besten und ehrlichsten Politiker haben heutzutage nur noch dann eine Chance, wenn sie mittels „Zuspitzung“ von Themen und manipulierten Statistiken arbeiten. Echte Tatsachen sind in unserer „barnumisierten“ Welt meist nur lästig.




© 2012 Rudolf Öller, Bregenz