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DIE ZWEITEN


Sieger gehen oft in die Geschichte ein. Von den Zweiten spricht niemand, es sei denn, es lässt sich etwas Tragisches berichten, wie beispielsweise beim Engländer Robert Scott, der beim Rennen zum Südpol das Nachsehen hatte. Der Norweger Roald Amundsen (1872 – 1928) hatte als erster Mensch am 14. Dezember 1911 den Südpol erreicht. Der Engländer Robert Scott erreichte den Pol vor hundert Jahren am 17. Jänner 1912. Beim Rückmarsch zur Forschungsbasis „Kap Evans“ verlor die gesamte Mannschaft ihr Leben.

Am 6. August 1945 klinkte der B-29-Bomber "Enola Gay" unter dem Kommando von Colonel Paul W. Tibbets um 8:15 Uhr Ortszeit eine Atombombe aus. Der atomare Tod schwebte 45 Sekunden an einem Fallschirm nach unten und detonierte über Hiroschima. In allen Geschichtsbüchern des zwanzigsten Jahrhunderts ist dieses schreckliche Ereignis verzeichnet. Der zweite Abwurf interessiert nur noch ein paar Militärhistoriker. Am 9. August 1945 transportierte Major Charles Sweeney mit seinem Bomber „Bockscar“ die Plutoniumbombe „Fat Man“ über die Stadt Nagasaki und klinkte sie um die Mittagszeit aus, was siebzigtausend Menschen das Leben kostete.

In der Mitte des neunzehnten Jahrhundert entwickelten Charles Darwin und Alfred Russell Wallace gleichzeitig ihre (fast identischen) Theorien der Evolution des Lebens. Darwin publizierte zuerst, Wallace danach. Letzterer ist daher nur noch unter Fachbiologen bekannt.

Der erste Mensch, der die Erde im Weltall umkreiste, war der Russe Juri Gagarin. Der zweite war German Titow. Der erste Amerikaner in einer Erdumlaufbahn war John Glenn, der zweite war Malcolm Scott Carpenter. Die interessierten Schüler wissen, dass Neil Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin die ersten Männer auf dem Mond waren, aber wer waren die zweiten? Das waren Charles Conrad und Alan Bean. Völlig vergessen scheint Harrison Schmitt zu sein, der mit Apollo 17 flog und als professioneller Geologe wusste, welche Steine er mitzunehmen hatte. Er ist der vorläufig letzte Mensch, der den Mond betrat.

Wenn wir bei großen Ereignissen, sei es im Sport, in der Wissenschaft oder in der Kunst, die Sieger feiern und die Zweitplatzierten vergessen, sind wir ungerecht, denn es sind die Kämpfer, die Fortschritt - auch den zweifelhaften - bringen. Sie erweitern damit unseren Horizont. Die Zweiten, Dritten und Vierten sind jedenfalls wertvoller als diejenigen, die nicht einmal versucht haben, irgendein Rennen oder einen Wettkampf zu bestreiten. Wer kämpft, auch friedlich im Rahmen von Wissenschaft und Kultur, kann verlieren. Wer nie kämpft, der hat schon verloren. Niemandem sollte man dies öfter und deutlicher sagen als unserer Jugend.




© 2012 Rudolf Öller, Bregenz