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TATTOOS


Es gab einmal eine Zeit, da trugen nur Seeleute und Sträflinge eine Tätowierung, neudeutsch „Tattoo“. Brave Bürger machten um tätowierte Frauen und Männer oft einen großen Bogen, man kann ja nie wissen. Die Zeiten haben sich geändert. Tattoos sind heute schon so normal, dass sie nichts Außergewöhnliches mehr sind.

In England und den USA, teilweise auch in Japan, hat vor einigen Jahren ein neuer Trend eingesetzt. Studenten, auch Professoren, lassen sich wissenschaftliche Symbole auf Arme, Beine, Hals und Oberkörper tätowieren. Ein beliebtes Bild ist die elegante Schraubenform des DNA-Moleküls. Es gibt aber auch Darwinfinken, Ammoniten, Trilobiten, Saurier und andere nette Tiere. Eine High-School-Lehrerin hat sich die Formel für die „Mandelbrot-Menge“ und das hydrostatische Gleichgewicht im Inneren eines Sterns eintätowieren lassen. Eine Studentin trägt den geologischen Querschnitt einer Bergkette auf dem Rücken, eine andere den Stammbaum der Wirbeltiere. Der Schauspieler Brad Pitt ließ sich gar die Gletscherleiche „Ötzi“ auf einen Arm tätowieren.

Die Formel e(iπ) + 1 = 0 ziert manche Oberarme amerikanischer Mathematikstudenten. Es handelt sich um die so genannte „Eulersche Identität“. Sie stellt einen einfachen Zusammenhang zwischen vier der bedeutendsten mathematischen Konstanten her. Die Eulersche Zahl e (2,71828) ist nach dem Schweizer Mathematiker Leonhard Euler (1707 – 1783) benannt und in der höheren Mathematik eine unverzichtbare Konstante. Weiters enthält die Formel die Zahl pi (π = 3,14159), mit der man Umfang, Flächen und Volumen von „runden“ Körpern berechnen kann. i steht für die imaginären Einheit, es handelt sich um eine Zahl, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, und die Null ist eine weitere mathematisch - neuerdings auch in der Politik - bedeutsame Zahl. Alle oben erwähnten Tattoos findet man in dem nur in englischer Sprache erschienenen Buch „Science Ink: Tattoos of the Science Obsessed“ von Carl Zimmer.

Das Buch ist in den angelsächsischen Ländern ein Bestseller. Bei den gebildeten Leuten, die sich tätowieren lassen, werden Stacheldrähte, „Geweihe“, Totenköpfe, Schmetterlinge, Flammenbilder und andere Allerweltsymbole gemieden. „Scientific Tattoos“ sind inzwischen der große Renner. Der allerletzte Beweis für diesen Trend wurde im Juni 2011 in Lindau geliefert. Im Rahmen der 61. internationalen Konferenz präsentierten einige Nobelpreisträger Tattoos ihrer Studenten. Die begeisterte Zuhörerschaft beklatschte bebilderte junge Menschen, die sich Formeln und wissenschaftliche Symbole auf alle möglichen und unmöglichen Körperteile tätowieren hatten lassen.




© 2012 Rudolf Öller, Bregenz