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BIG BANG


Simon Singh ist erstaunlich. Er ist der erste Autor, dem es gelungen ist, mit einem Buch über eine mathematische Formel („Fermats letzter Satz“) an die Spitzen der Bestsellerlisten zu kommen. Das Buch liest sich wie ein Krimi und zeigt, dass es inzwischen zum guten Ton gehört, über Mathematik und Naturwissenschaften wenigstens ungefähr Bescheid zu wissen. Singh ist Physiker und Wissenschaftsjournalist bei der BBC und verfügt über die seltene Gabe, sperrige Wissensbereiche wie Mathematik und Physik, spannend zu vermitteln.

2004 hat Singh ein Buch veröffentlicht, das ebenfalls ein Bestseller wurde. „Big Bang“ ist inzwischen auch als deutschsprachiges Taschenbuch (dtv) erschienen und sei hier als preisgünstiges und interessantes Weihnachtsgeschenk empfohlen. Das 540 Seiten starke Werk  ist für alle empfehlenswert, die immer schon wissen wollten, was es mit der Urknalltheorie auf sich hat. Der englische Astronom Fred Hoyle hatte in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts keine Freude mit der Annahme eines Urknalluniversums, daher erfand er im Rahmen einer Radiosendung die Spottbezeichnung „Big Bang“, die sofort populär wurde.

Die Urknalltheorie, zu deren Urheber der katholische Priester und Physiker Georges Lemaitre zählte, ist eine der wenigen wissenschaftlichen Gedankengebäude, die nicht nur auf Universitäten und in Studentenlokalen diskutiert wird, sondern in Tageszeitungen, ja sogar im Vatikan. Am 22. November 1951 hielt Papst Pius XII den Vortrag „Die Beweise der Existenz Gottes im Lichte der modernen Naturwissenschaft“. In seiner Rede lobte der Papst die Urknalltheorie und hielt sie für einen Gottesbeweis. Die Physiker und Astronomen hatten wenig Freude damit, sogar Lemaitre war über diesen Vortrag unglücklich, denn wissenschaftliche Theorien sind immer offen, während Dogmen abgeschlossene und unveränderliche Lehrsätze sind. Die Kommunisten, übrigens die schlimmsten Wissenschaftsfälscher und Ignoranten der Geschichte, sogar ärger noch als die Kirche des 17. Jahrhunderts und die Nationalsozialisten, verboten die Urknalltheorie und ließen deren Anhänger ohne zu zögern ermorden.

Simon Singhs Buch gibt einen detailreichen und spannenden Überblick über die Geschichte der Astronomie und erklärt gut verständlich, wie es zur Urknalltheorie kam und warum es heute kein Konkurrenzmodell dazu gibt. Historiker werden insofern bedient, als Singh immer das politische Umfeld zu den jeweiligen Wissenszuwächsen der Physik und Astronomie skizziert. Die Bedeutung der Urknalltheorie wird übrigens auch durch die drei Physiknobelpreisträger dieses Jahres (Saul Perlmutter, Adam Riess und Brian Schmidt) unterstrichen.




© 2011 Rudolf Öller, Bregenz