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E = mc2: PHILOSOPHISCHE FRAGEN


Einsteins spezielle Relativitätstheorie mit ihrer berühmten Formel gefällt immer noch nicht allen Zeitgenossen, obwohl sie weder aus der Technik noch aus den Naturwissenschaften wegzudenken ist. Der Grund ist einfach: Die Relativitätstheorie widerspricht radikal dem so genannten Hausverstand. Dieser sagt uns, dass 1 + 1 + 1 + 1 gleich 4 ist. Im Atomkern gilt diese Regel aber nicht. Wie vor einigen Wochen hier gezeigt, gilt bei der Fusion von Wasserstoff- zu Heliumatomkernen die Regel 1 + 1 + 1 + 1 ist gleich 3,94. Der Schwund an Masse wird in Energie verwandelt. Deshalb leuchtet die Sonne und deshalb funktionieren Atombomben.

Gegner der Relativitätstheorie, in der Regel sind es Anhänger einer verblichenen „deutschen Physik“, die vor über achtzig Jahren ein schwacher Gegenentwurf zur vermeintlich „jüdische Physik“ war, behelfen sich mit der bescheidenen Feststellung, dass es sich eben „nur um eine Theorie“ handelt. Es wird dabei übersehen, dass Theorien in Worte und Formeln gegossene Sammlungen überprüfter Tatsachen sind. Weder die Hochenergiephysik noch das Satellitennavigationssystem GPS funktionierten, wenn die Aussagen der Relativitätstheorie falsch wären. Die Formel E = mc² als Teil der Relativitätstheorie deutet den Massendefekt im System der Elemente, sie erklärt die Atomenergie sowie die Kernfusion in unserer Sonne und allen anderen Sternen, und sie beschreibt die Entstehung von Materie aus der Energie des Urknalls.

E = mc² sagt auch etwas über uns aus. Da deren Richtigkeit und Bedeutung heute außer Streit stehen, die Formel sich aber unserem Grundverständnis von der Natur entzieht, mussten sich die Philosophen und Biologen des zwanzigsten Jahrhunderts etwas einfallen lassen. Es kamen auch noch andere Theorien dazu, die großes Kopfzerbrechen bereiten, wie etwa das Bohrsche Atommodell, das wir zwar mathematisch, nicht aber begrifflich beschreiben können. Die in den Lehrbüchern erwähnten „Schalen“ der Atomhüllen gibt es in Wahrheit nicht, es sind abstrakte Begriffe. Aus all diesen Gründen entwickelten moderne Biologen und Philosophen das Modell der „evolutionären Erkenntnistheorie“, das erklärt, warum wir uns in der Welt zurechtfinden, diese aber nicht restlos verstehen können. Auch die Kirche musste einen längst überfälligen Schwenk in Richtung Moderne machen und sich öffnen. Der Präsident der päpstlichen Akademie der Wissenschaften, der Genetiker und Nobelpreisträger Werner Arber, ist kein Katholik, trotzdem hört der Papst auf ihn.
 

Lesern, die mehr wissen wollen, sei ein kleines informatives  Buch empfohlen. David Bodanis: „Bis Einstein kam“, Fischer Taschenbuch.




© 2011 Rudolf Öller, Bregenz