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TESTOSTERON


Der Chef des größten Währungsfonds der Welt, der immerhin über tausend Milliarden Dollar verwaltet, wird in New York der Vergewaltigung einer Hotelangestellten beschuldigt. Ein Schweizer Fernsehstar, der jahrelang seinen Wetterbericht im deutschsprachigen Fernsehen schwungvoll präsentiert hat, soll eine seiner zahlreichen Lebensgefährtinnen vergewaltigt haben. Ein österreichischer Hollywoodstar, der einst in eine prominente amerikanische Politikerfamilie eingeheiratet hatte, musste nach seiner Karriere als „Gouvernator“ ungeplanten außerehelichen Nachwuchs zugeben, worauf er prompt den Kosenamen „Sperminator“ erhielt. Das vor allem auch deshalb, weil Insider berichten, dass der nicht minder lebensfrohe Golfchampion mit Spitznamen „Tiger“ vergleichsweise als „Jungfrau“ zu bezeichnen wäre.

Was heutzutage lustvoll und ungefragt der Öffentlichkeit als „Skandal“ präsentiert wird, selbstverständlich mit dem abgegriffenen Dauerattribut „es gilt die Unschuldsvermutung“, ist nicht neu. Geld, Macht und Sex waren immer schon Folgen eines Phänomens namens Testosteron. Es handelt sich um ein Sexualhormon, das bei beiden Geschlechtern vorkommt, aber in unterschiedlicher Menge und mit unterschiedlicher Wirkung. Der Chemiker nennt es „17β-Hydroxyandrost-4-en-3-on“.

Hormone sind Substanzen, die an einer Stelle im Körper gebildet werden und an einer anderen Stelle eine Wirkung erzeugen. Am bekanntesten dürfte das Adrenalin sein. Es wird, wenn das Hirn bei Stress Alarm schlägt, in einer Drüse über den Nieren gebildet, um Herzschlag und Atmung zu beschleunigen. Die meisten Hormone in unserem Körper haben auch eine Wirkung auf unser Gehirn und damit auch auf unsere Wahrnehmung. Manche Leute entwickeln sogar eine Sucht. Es gibt sie tatsächlich, die so genannten Hormonjunkies.

Der Begriff Testosteron kommt von „Testes“ (Hoden) und „Steroid“. Letzteres Wort bezeichnet eine Stoffgruppe, die mit den Fetten verwandt ist. Die Testosteronproduktion nimmt beim Mann in der Pubertät rasch zu und erreicht um das dreißigste Lebensjahr den Höhepunkt. Dann geht die Produktion zurück, allerdings individuell unterschiedlich. Testosteron ist nicht nur für die Zeugungsfähigkeit, sondern zusätzlich für eine ganze Menge anderer „typisch männlicher“ Eigenschaften verantwortlich. Testosteron ist die Antriebsmaschine des Mannes, eine Turbodroge, gegen die das Adrenalin geradezu unschuldig wirkt. Testosteron ist ein hormoneller Übeltäter, der vor allem junge aber auch ältere Männer einigen Blödsinn machen lässt. Als alleinige Ausrede taugt das Hormon aber nicht. Zu viele Faktoren bestimmen unser Leben.




© 2011 Rudolf Öller, Bregenz