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NOBELPREISE 2010: MEDIZIN


Noch bevor Louise Joy Brown das Licht der Welt erblickte, war sie millionenschwer und weltberühmt. Louise, die am 25. Juli 1978 in Oldham (England) durch Kaiserschnitt zur Welt kam, war das erste Retortenbaby der Geschichte. Boulevardblätter verkündeten damals, dass es sich um das "Baby des Jahrhunderts" handle. Die Londoner Zeitung "Daily Mail" berichtete exklusiv über "Lovely Louise", denn Mutter Lesley Brown hatte die Geschichte des ersten Retortenkindes um rund eine Million Euro an das Blatt verkauft.

Der Rummel um das erste Kind aus der Retorte begann am 12. November 1977, als Dr. Patrick Steptoe einen Acht-Zell-Embryo in die Gebärmutter von Lesley Brown pflanzte. Dieser Embryo wuchs schließlich zu einem Mädchen heran, was den zehnjährigen Kampf von Mrs. Brown um ein eigenes Kind beendete. Die beiden Männer, denen Louise Brown - inzwischen selbst schon Mutter - ihre Existenz zu verdanken hat, waren der Biologe Robert Edwards und der Gynäkologe Patrick Steptoe. Sie hatten eine neue Ära der Medizin eingeleitet. Gleichzeitig mit der Geburt des ersten Retortenbabys begann eine bis heute andauernde Diskussion von Ärzten, Biologen, Theologen und Philosophen, ob die Technik ethisch gerechtfertigt sei. In Polen drohen heute noch Bischöfe denjenigen Frauen die Exkommunikation an, die sich der Retortentechnik bedienen, um ein eigenes Kind bekommen zu können. Es ist freilich eine leere Drohung, weil Ärzte an die Schweigepflicht gebunden sind.

Der Nobelpreis für Medizin und Physiologie wurde in diesem Jahr an Robert Edwards vergeben. Sein Kollege Patrick Steptoe, der den Preis ebenfalls verdient hätte, ist bereits im März 1988 verstorben. Die Zahl der Kinder, die inzwischen mit Hilfe der Retortentechnik zur Welt gekommen sind, kann man nur schätzen, wahrscheinlich sind es über fünf Millionen.

Die Retortentechnik hat viele Frauen glücklich gemacht, sie hat aber auch eine dunkle Seite, denn der in der Retorte erzeugte menschliche Embryo kann auf mehrfache Weise manipuliert werden. Zumindest ist es möglich, den Embryo zu analysieren und in der Folge zu selektieren. Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) geht es nämlich nicht nur um Fortpflanzung, sondern sie ist eine Schnittstelle zwischen Genetik und Retortentechnik. Irgendjemand kann entscheiden, ob ein genetisch geschädigter Embryo „verworfen“ werden soll.

Die Diskussionen der letzten Jahre flachen allmählich ab. Inzwischen ist man längst beim Argument, dass alle Frauen ein Naturrecht auf ein gesundes Kind haben, angelangt. Obwohl es dieses Recht nie gab und auch nie geben wird, bedeutet das nichts anderes, als dass alles Machbare – wieder einmal - auch gemacht wird.




© 2010 Rudolf Öller, Bregenz