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BURN OUT


Das Ausbrennen der Seele ist in den Industrieländern zur Zivilisationsvolkskrankheit geworden. Gleichzeitig ist damit eine umfassende Erklärungs- und Beratungsin-dustrie entstanden. Man hört beispielsweise in Vorträgen, dass beim Burn out-Syndrom „der Akku leer ist“ oder sogar dass „der Akku kaputt ist“. Es ist auch davon die Rede, dass man die Stressfaktoren analysieren müsse und so weiter und so fort.

Diese Geschichten erklären nichts, solange nicht definiert wird, wer oder was der „Akku“ ist. Ist das die Leber, das Herz, der Darm oder etwas anderes? Ins Komische gleiten die Burn out-Legenden ab, wenn von gutem und schlechtem Stress die Rede ist, weil es so etwas gar nicht gibt.

Unser Nervensystem enthält einen eigenständigen („vegetativen“) Bereich, der die inneren Organe automatisch steuert, wobei es zwei Regelkreise gibt, den „Sympathicus“ als Beschleuniger und den „Parasympathicus“ als Bremser. Wird Energie be-nötigt, schüttet der Sympathicus verschiedene Hormone aus. Die Atmung geht schneller, der Herzschlag beschleunigt sich, die Leber setzt Zuckerreserven frei. Stress ist also etwas Natürliches, denn ohne ihn würden wir nur kraftlos herumhängen. Neben diesem Kurzzeitstress gibt es noch einen Schalter für langfristige Belastungen wie Krankheiten, Schwangerschaft, Trennung usw. Dieser Stress bewirkt mittels hormoneller Steuerung Schmerzreduktion, Entzündungshemmung, Beruhigung und ähnliche Reaktionen. Auch das ist biologisch sinnvoll und natürlich. Zwischenzeitlich schaltet der Parasympathicus den Körper auf Regeneration. Herz und Atmung gehen langsamer und kurzfristig gebremste Systeme, wie etwa die Verdauung, beginnen wieder zu arbeiten. Um dem Ruhenerv eine Chance zu geben, sollten die Menschen den Feierabend, den Sonntag und den Urlaub genießen. Psychologen waren erstaunt, als die chilenischen Kumpels einigermaßen gesund und munter aus ihrem Gefängnis in der Tiefe heraufkamen. Als sie Hoffnung auf Rettung hatten, fanden sie die richtige Stressbalance.

Der moderne Mensch hat den Freizeitstress und den „Workaholic“ erfunden. Er glaubt immerzu, etwas zu versäumen. Viele Schüler zappen sogar während des Unterrichts am Mobiltelefon herum, weil sie in ständiger Angst leben, sie könnten vermeintlich lebensnotwendige „Infos“ versäumen. Manche drehen beinahe durch, wenn ihnen die Kommunikationselektronik weggenommen wird. Weder Arbeit noch Schule noch sonst ein Stressfaktor sind das Problem, sondern der zur Sucht gewordene Dauerstress. Dieser führt zur jahrelangen Überlastung innerer Organe und zum allmählichen Versiegen der natürlichen Stresshormone. Die Welt erscheint dann als düsteres Loch. Das ist burn out.




© 2010 Rudolf Öller, Bregenz