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GELÖSTE UND UNGELÖSTE RÄTSEL

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Amphioxus-Genom entschlüsseltZur Sommerzeit werden gerne Romane als Reiselektüre angeboten, dabei gibt es auch auf dem Sachbuchmarkt viel Interessantes zu finden. Zurzeit tut sich in den Naturwissenschaften Gewaltiges.

In wenigen Monaten geht die komplizierteste und teuerste Maschine aller Zeiten, der große Hadronenbeschleuniger (LHC) bei CERN in Betrieb. Man verspricht sich die Entdeckung neuer Teilchen und einen tiefen Blick in die Vergangenheit unseres Kosmos. Auch in der Biologie bleibt zurzeit kein Stein auf dem anderen. Die Zeitschrift „nature“ berichtete kürzlich, dass das Genom des Lanzettfisches „Amphioxus“ (siehe Bild) entschlüsselt worden ist. Amphioxus ist der direkte Nachkomme der Ur-Chordatiere, und diese wiederum sind die Ahnen aller Wirbeltiere. Man hat die Gene entdeckt, die zur Entwicklung der Wirbeltiere führten. Auch hier gelang ein Blick weit zurück in die Geschichte des Lebens, gleichzeitig wurde damit die Frage beantwortet, wie sich höhere Tierstämme aus niederen entwickeln können.

Die Naturwissenschaften stürmen schneller voran, als manchen lieb ist, daher werden die Naturwissenschafter gerne attackiert, vornehmlich von bestimmten Religionsgemeinschaften. Das hat als Antwort zu einer Zunahme religionskritischer Bücher geführt. Richard Dawkins: „Der Gotteswahn“, Christopher Hitchens: „Der Herr ist kein Hirte“, Walter Wippersberg: „Einiges über den lieben Gott“, Michel Onfray: „Wir brauchen keinen Gott“ und andere Bücher sind auch Reaktionen auf Attacken von kulturwissenschaftlicher Seite auf Physiker und Biologen.

Es gibt auch Autoren, die sich einen Frieden zwischen Naturwissenschaften und Religionen wünschen. Christopher Schrader: „Gottes Werk und Darwins Beitrag“ macht klar, dass es für Kulturwissenschafter immer schwieriger wird, an den Erkenntnissen der Biologen zu kratzen, da die Fülle des Wissens unaufhörlich weiter wächst. Eine Synthese aus Religion und Wissenschaft versucht Ulrich Lüke mit „Das Säugetier von Gottes Gnaden – Evolution, Bewusstsein, Freiheit“. In allen Fällen geht es nicht um die Auffüllung von Wissenslücken durch eine übernatürliche Quelle, sondern um philosophische Aufarbeitungen. Der Ideologie des „Lückenbüßergottes“, wonach man ungeklärte Phänomene grundsätzlich für unerklärbar hält und in der Folge theologisch definiert, wird in der Qualitätsliteratur, auch von führenden Theologen, eine Absage erteilt, denn die weißen Flecken auf der Karte des Wissens werden laufend kleiner.

Wer wissen will, wo die aktuellen Grenzen der Erkenntnis liegen, dem sei das neue Buch des Vorarlberger Autors Alois Reuterer: „An den Grenzen menschlichen Wissens“ (Rhätikon Verlag) als Ferienlektüre empfohlen.



© 2008 Rudolf Öller, Bregenz