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DER KILLERINSTINKT


Beispiele aus Wirtschaft und Wissenschaft zeigen, dass erfolgreiche Menschen nicht nur fleißig sind, sondern auch ein Gespür für den richtigen Augenblick haben und dabei ein wenig skrupellos sein können: Sieger haben den „Killerinstinkt“.

Charles Darwin hatte seine Evolutionstheorie jahrelang verwahrt, aber er getraute sich nicht, diese zu veröffentlichen. Als Darwin den Brief des unbekannten englischen Biologen und Weltenbummlers Alfred Russel Wallace erhielt, in dem er gebeten wurde, Wallace’ Theorie der Entstehung der Arten zu begutachten, drängten Darwins Freunde, der Geologe Charles Lyell und der Botaniker Joseph Hooker, vehement auf eine Veröffentlichung. So publizierte Darwin 1859 sein Buch „Über die Entstehung der Arten“. Darwins Theorien wurden weltberühmt, die gleichwertigen Ideen von Wallace sind heute nur unter Biologen bekannt.

Die Entschlüsselung des Erbmoleküls DNA gelang den Biologen James Watson und Francis Crick auch deshalb, weil sie durch einen Trick an die Röntgenstrukturbilder der Chemikerin Rosalind Franklin herangekommen waren. So konnten sie die Atomabstände bestimmen und das fertige Modell publizieren.

Vor Albert Einstein hatten sich die Physiker Hendrik Antoon Lorentz und George Francis Fitzgerald über die Längenveränderung bewegter Körper Gedanken ge-macht. Die daraus resultierende Theorie der „Lorentz-Kontraktion“ war eine Art „Relativitätstheorie light“. Erst Einsteins Kombination von Intelligenz und Killerinstinkt führte 1905 zur fertigen Relativitätstheorie.

Der russische Konstrukteur Sergei Koroljow hatte – auftragsgemäß - mehrere Interkontinentalraketen vom Typ „Semiorka“ bauen lassen, aber die Entwicklung nuklearer Sprengköpfe kam nur langsam voran. Also ersuchte er das Politbüro - quasi als Pausenfüller - einen Satellitentest machen zu dürfen. Niemand, auch nicht die kommunistische Nomenklatura, nahm die Sache ernst. Koroljow schoss im Oktober 1957 seinen legendären Sputnik in eine Erdumlaufbahn, überrumpelte damit die eigene Regierung und schrieb Weltgeschichte. Auch der mittels einer Portion Schlitzohrigkeit erzielte Sieg der damals noch kleinen Firma Microsoft mit ihrem schlichten Betriebssystem MS-DOS über die technisch weit überlegene Konkurrenz war ein Phänomen.

Die 0:1 Fussballniederlage Österreichs gegen Deutschland am letzten Montag war zu erwarten gewesen. Da in unserer unzufriedenen Missgunstgesellschaft ein bescheidener Erfolg durch Fleiß gerade noch geduldet wird, überragende Taten freilich regelmäßig auf latentes Misstrauen stoßen, werden in Österreich Spitzenfußball und -wissenschaft noch lange Zeit zwar bemüht aber doch nur mittelmäßig bleiben.




© 2008 Rudolf Öller, Bregenz