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SAPIENZA STUPIDA


Marcello Cini, vierundachtzigjähriger Professor an der römischen Universität „Sapienza“, war plötzlich berühmt. Der Alt-Kommunist hatte es geschafft, eine ganze Reihe von Professoren hinter sich zu scharen. Diese Gruppe hatte im November 2007 eine Erklärung veröffentlicht, wonach Papst Benedikt XVI. zu einer „persona non grata“ erklärt wurde. Das bedeutet, dass der Papst auf akademischem Boden unerwünscht ist, weil er angeblich eine Kraft der Finsternis verkörpert.

Welcher Teufel Cini und seine Professorenkollegen geritten hat, als sie den Papst zu einer dunklen Seite der Macht erklärten und aus der Universität hinausdemonstrieren ließen, ist unbekannt. Die Szene ist grotesk: Cini und seine „aufgeklärten“ Kollegen als intellektuelle Rebellen, der Papst als finsterer Darth Vader! Die Begründung, dem Papst einen Vortrag an der Universität zu verweigern, lautet folgendermaßen: Die Grundüberzeugung von Papst Benedikt, dass Glaube und Vernunft keine Gegensätze seien, sondern notwendig zusammengehören, ist in Wahrheit ein übler Trick. Der Papst benütze das aus dem Zeitalter der Aufklärung stammende Bild von der Vernunft als trojanisches Pferd, um so die freie Wissenschaft unterminieren zu können. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich der ganze Schwachsinn der Aktion, und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens ist das Zeitalter der Zensur in den demokratischen Ländern vorbei, die Veröffentlichung einer Rede kann heute niemand mehr verhindern. So wurde auch die vom Papst (nicht gehaltene) Rede im Internet publiziert, wo sie jeder lesen kann.

Zweitens sind die Universitäten immer schon Speerspitzen der freien Künste und des freien Wissenserwerbs gewesen. Es darf dabei jedem gestattet sein, eine Meinung zu verkünden, worauf auch jeder das Recht hat, diese Meinung nach allen Regeln des Scharfsinns zu zerlegen, solange alles im sachlichen Rahmen abläuft. Der Kulturkampf, der vor mehr als hundert Jahren unsere Gesellschaft gespalten hat, sollte Vergangenheit sein. Das Redeverbot gegen Papst Benedikt hat aus der römischen Universität „Sapienza“ jedenfalls eine „Sapienza stupida“ (engstirnige Weisheit) gemacht.

Drittens hat ein Anhänger einer überkommenen Ideologie kein Recht, das Oberhaupt einer Glaubensgemeinschaft als trojanisches Pferd zu diffamieren. Professor Cini ist ein bekennender Kommunist. Das sei ihm gestattet, und unsere freie Demokratie gestattet es auch. Cini verdrängt dabei aber offensichtlich, dass die tödlichsten Ideologien des 20. Jahrhunderts, der Nationalsozialismus und der Kommunismus, die Wissenschaften und Künste härter und konsequenter geknebelt haben, als es die kirchliche Inquisition je konnte.




© 2008 Rudolf Öller, Bregenz