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NOBELPREISE 2007: CHEMIE


Die Schülersprüche sind bekannt: Wenn es grün ist oder sich schlängelt, ist es Biologie, wenn es blitzt oder nicht funktioniert, ist es Physik und wenn es stinkt oder giftig ist, dann ist es Chemie. Chemie hat unter den Naturwissenschaften den schlechtesten Ruf. „Chemiefreie Landwirtschaft“ wird ebenso propagiert wie „chemiefreie Kosmetik“, „chemiefreie Reinigungsmittel“ und andere gröbere Missverständnisse. Chemie - so der Tenor – ist ein anderer Name für Gift. In Wahrheit ist alles Chemie. Proteine, lebensrettenden Medikamente, Kunststoffe, Legierungen, Farben, sie alle sind Teile und Produkte einer Chemie, ohne die unsere moderne Welt nicht mehr auskommt.

Chemie ist nach landläufiger und nicht auszurottender Meinung das Zusammenschütten zweier giftiger Flüssigkeiten, worauf eine dritte noch giftigere entsteht. Dass Chemie etwas ganz anderes sein kann, hat der diesjährige Nobelpreis für den deutschen Chemiker Gerhard Ertl gezeigt. Bereits in den Sechzigerjahren hat sich Ertl einen Namen gemacht, indem er chemische Reaktionen an festen Oberflächen untersucht hat. Zu dieser Art chemischer Reaktionen zählt beispielsweise das Rosten eines unedlen Metalls. Über 500 wissenschaftliche Veröffentlichungen gehen auf Ertls Konto, eine beachtliche Leistung sowohl an Zahl als auch an Qualität. Ertls Arbeit wird in Deutschland auch deshalb so stark beachtet, weil er sein ganzes Leben lang in Deutschland gelebt und geforscht hat. In Wissenschaftskreisen wird ja das Märchen kolportiert, wonach man ohne USA-Erfahrung keinen Nobelpreis bekommen kann. Dabei hat sich schon vor Jahren der Trend abgezeichnet: Deutschland hat wieder zur Forschungs-Weltspitze aufgeschlossen, Österreich ist zur gleichen Zeit – bedingt durch eine eher desinteressierte Öffentlichkeit und eine ineffiziente Politik - beinahe hoffnungslos zurückgefallen.

Ertls Geduld und Fleiß wurde relativ spät – an seinem 71. Geburtstag - belohnt. Seine Arbeit hat dazu beigetragen, viele wichtige industrielle Verfahren besser zu verstehen, wie etwa die Herstellung von Kunstdünger mit Hilfe von Katalysatoren. Auch die Funktionsweise von Abgaskatalysatoren oder Brennstoffzellen können wir durch Ertls Forschungstätigkeit besser begreifen.

Im Laufe der Jahre hatte sich Ertl auch intensiv mit dem Haber-Bosch-Verfahren zur Ammoniaksynthese beschäftigt. 1918 hatte der Deutsche Fritz Haber - übrigens Namensgeber des Instituts, an dem Ertl arbeitet - für die Synthese von Ammoniak den Chemienobelpreis erhalten. Ertl konnte Jahrzehnte später zeigen, wie der für die Reaktion notwendige Katalysator im Detail funktioniert und welche chemischen Reaktionen ablaufen.




© 2007 Rudolf Öller, Bregenz