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VERNUNFT UND UNVERNUNFT (3)


Das Gleichnis ist bekannt: Auf einem See vermehren sich Seerosen. Alle 24 Stunden verdoppeln sie ihre Fläche. Eines Tages bedecken sie die Hälfte des Sees. Wie lange dauert es, bis sie den ganzen See zudecken? Die Antwort ist einfach: Es dauert nur einen Tag, unabhängig davon, wie lange die Seerosen zuvor schon gewachsen sind. Allein in den letzten 4 Tagen betrug das Wachstum über 90 Prozent der Gesamtfläche. Das Beispiel zeigt, wie schwer sich unsere Vernunft vulgo Hausverstand tut, wenn es darum geht, exponentielles Wachstum zu verstehen. Dies ist auch der Grund, warum uns der Blick für komplexe ökologische Zusammenhänge fehlt.

In den letzten Wochen und Monaten schwirrten Vorschläge herum, wie man die drohende Klimaerwärmung mit ihren Folgen abwenden könne. Die Vorschläge verdienen das Attribut „entzückend“, wenn man sie mit Humor nimmt. Dabei ist die Sache alles andere als lustig. Von einer Reduktion des Autofahrens ist da die Rede, von einem Verbot der Glühbirnen und einem Ausbau der Atomenergie.

Die einzelnen Maßnahmen sind zwar grundsätzlich diskutabel, aber die mangelnde menschliche Vernunft zeigt sich darin, dass die Größenordnungen nicht einmal ansatzweise diskutiert werden. Die Menschen verheizen heute in nicht einmal zwei Jahren so viele fossile Brennstoffe wie im ganzen 19. Jahrhundert. Und wie soll das Gegensteurn aussehen? Wir sollten ein bisschen weniger mit dem Flugzeug fliegen? Dass pro Tag allein über den Atlantik mehr als 2000 Flüge (oft mit Obst vom anderen Ende der Welt) geführt werden, wird übersehen. Wir sollen etwas weniger Auto fahren? Gleichzeitig sieht man so viele übermotorisierte Geländewagen, dass man meinen könnte, unsere Städte hätten sich allesamt in Schlamm- und Geröllhalden verwandelt. Die in Leserbriefspalten und Sonntagsreden auftauchenden Vorschläge sind gut gemeint, aber sie gleichen der Absichtserklärung eines 160 Kilogramm schweren Zeitgenossen mit einem Bodymass-Index von 50 oder mehr, er wolle mittels Verzicht auf ein Keks eine Schlankheitsdiät starten.

Besonders drollig ist das Argument für die Atomenergie. Der Anteil an nuklearer Energie an der weltweiten Produktion liegt im unteren einstelligen Prozentbereich. Auch eine Vervielfachung der Kernenergieproduktion könnte das Klimaproblem nicht lösen, es würden sich lediglich die Langzeitrisiken durch die rascher ansteigenden radioaktiven Abfälle erhöhen. Fazit: Es existieren Vorschläge für eine ökologische Absicherung der Zukunft. Vernunft ist dabei, zumindest vorläufig, bestenfalls in Spurenelementen erkennbar. Notwendige radikale Maßnahmen werden erst kommen, wenn die Klimawende auch in den reichen Ländern spürbare Schmerzen bereiten wird.




© 2007 Rudolf Öller, Bregenz