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NOBELPREISE 2006: MEDIZIN


Nobelpreise gibt es seit über hundert Jahren, die meisten sind berechtigt, manche Verleihungen dürfen hinterfragt werden. In diesem Jahr gibt es nichts zu hinterfragen. Alle diesjährigen klassischen Preise (Medizin und Physiologie, Chemie und Physik) wurden für Durchbrüche verliehen, deren Folgen man zurzeit noch kaum abschätzen kann.

Der Physik-Nobelpreis wurde dafür verliehen, dass eine entscheidende Entdeckung – in Wahrheit eine extrem genaue Messung - zum endgültigen Sieg der Urknalltheorie beigetragen hat. Die Medizin- und Chemie-Nobelpreise bilden in diesem Jahr fast so etwas wie Siamesische Zwillinge. In beiden Fällen wurden Arbeiten belohnt, die ein bestimmtes Molekül in den Zellen aller Lebewesen betreffen: Die Ribonukleinsäure, kurz RNA.

Andrew Z. Fire von der Stanford University und Craig C. Mello von der Massachusetts Medical School wurden für ihre Entdeckungen zur RNA-Interferenz ausgezeichnet. Es handelt sich um eine neue Methode zur gezielten Unterdrückung von Genen. "Das Pfiffige an ihrer Entdeckung ist, dass sie die Mittel der Natur selbst zur Anwendung bringt", sagte ein Sprecher des Nobelkomitees. Biologen und Mediziner sind sich darüber einig, dass dies fantastische Möglichkeiten im Bereich der Krebstherapie eröffnet. Natürlich dauert es noch Jahre, bis auf Basis der Entdeckung entsprechende Arzneimittel entwickelt werden können, aber die Prinzipien sind bekannt. Bereits im Jahr 2002 wurde das neue Verfahren von Mello und Fire vom Fachjournal "Science" als "Durchbruch des Jahres" gefeiert. Seither boomt weltweit die Biotech-Branche wie nie zuvor. Gene lassen sich demnach gezielt ausschalten, wenn künstlich produzierte doppelsträngige RNA-Stücke in die Zellen gebracht werden.

Erkenntnisse der RNA-Forschung werden auch an einer philosophischen Nebenfront Auswirkungen haben. Es geht um die Entstehung des Lebens vor 4 Milliarden Jahren. Bisher standen die Biologen und Biochemiker vor einem fast unlösbaren Problem. Die Erbmasse DNA kann nur mit Hilfe eines Enzyms in eine RNA-Kopie übersetzt werden, und diese wiederum nur mit Hilfe einer Gruppe von Enzymen in andere Enzyme umgesetzt werden. Wie soll so ein komplexer Regelkreis im Urmeer entstanden sein? Die Situation hat sich nun schlagartig geändert. Die RNA selbst hat eine enzymatische Wirkung, sie kann ihre eigene Entstehung steuern. Sollte es gelingen, was nunmehr durchaus denkbar ist, im Labor ein kleines sich selbst synthetisierendes RNA-Molekül entstehen zu lassen, dann gäbe es erstmals ein experimentelles Modell zu den Anfängen der Evolution des Lebens. Dies wäre eine der größten Wissensdurchbrüche überhaupt.




© 2006 Rudolf Öller, Bregenz