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Ideologien: EPILOG


Der Zentralrat der Juden in Deutschland plädierte vor zwei Monaten für die Einführung eines eigenen Schulfachs zum Nationalsozialismus. Die Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch meinte, dass dies gesetzlich geregelt werden müsse, wobei auch die Ausbildung der Geschichtslehrer entsprechend geändert werden solle.

Die Idee an sich ist interessant, aber leider unvollständig. Den Nationalsozialismus als das zentrale tödliche Monstrum der Geschichte hinzustellen, greift zu kurz. Die Schüler sollten vielmehr lernen, überprüfbare Theorien von wissenschaftlichen und politischen Ideologien unterscheiden zu können. Der Ideologiebegriff wird bei Philosophen und Historikern unterschiedlich definiert, aber Gewaltideologien, wie die nationalsozialistische Rassenlehre, der Marxismus und der politische Islamismus sind als Feinde einer offenen bürgerlichen Gesellschaft auch für Schüler unschwer zu identifizieren.

Richtlinien zum Umgang mit Ideologien finden sich beim österreichischen Philosophen Sir Karl Popper. Sein Fragenkatalog könnte Grundlage eines Unterrichtsprinzips werden, das nicht nur das Fach Geschichte betrifft.

Popper fragt unter anderem:

(1) „Finden sich in politischen Weltanschauungen Tendenzen zum dogmatischen Behaupten absolut wahrer Einsichten … und im Zusammenhang damit elitäre Gruppen oder autoritäre Einzelpersonen, die ein Erkenntnismonopol … auf die Deutung dieser Einsichten beanspruchen?“ Diese Frage kann bei den drei großen Gewaltideologien des 20. und 21. Jahrhunderts positiv beantwortet werden.

(2) „Wieweit sind in Ideologien Tendenzen zur Immunisierung von ideologischen Kernannahmen gegenüber Kritik ausgeprägt und wie sind die Strategien beschaffen, mit denen die Immunisierung erfolgt?“ Gemeint ist die in linken und rechten Diktaturen übliche Praxis, jegliche freie Meinungsbildung durch Knebelung und Lenkung der Presse und anderer Meinungsmultiplikatoren zu unterbinden.

(3) „Sind in Weltanschauungen Verschwörungstheorien anzutreffen und damit zusammenhängend Sündenbock-Strategien und Tendenzen zur Bildung von Feind-Stereotypen?“ Im Nationalsozialismus war es die „jüdische Weltverschwörung“, im Marxismus der kapitalistische Klassenfeind und im Islamismus sind es die Ungläubigen unter der Führerschaft der USA, gegen die jegliche Gewaltanwendung erlaubt ist.

(4) „Findet man in Ideologien … Denkmuster, die utopische Harmonien und Ideale vorgaukeln, wobei … Realisierbarkeitsüberlegungen in Bezug auf diese Ideale gänzlich ausgeblendet werden?“ Hier bezieht sich Popper auf das absurde Versprechen, die ideale Gesellschaft, den Gottesstaat oder gar das Paradies auf Erden zu errichten.




© 2006 Rudolf Öller, Bregenz