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ZUFÄLLE

Wenn verwegene Geisteskrieger über die Naturwissenschaften herfallen, weil gewisse Theorien Anstoß erregen, dann sind erfahrungsgemäß erst auf den zweiten Blick die zugrunde liegenden Denkfehler zu erkennen. Wenn beispielsweise den Biologen vorgeworfen wird, dass sie dem Zufall zu viel Bedeutung beimessen, dann findet diese Kritik zumeist Zustimmung, denn die Natur scheint ja ein perfektes Design zu besitzen. Der Fehler liegt hier im falschen Verständnis des Begriffs „Zufall“ und in der radikalen Fehleinschätzung der Naturgesetze.

Vor knapp 600 Millionen Jahren lebte im Kambrium ein wurmiges Wesen namens „Pikaia gracilens“, von dem immerhin 30 fossile Exemplare dokumentiert sind. Pikaia ist das erste bekannte Chordatier und zählt damit zum Urahn aller Wirbeltiere. Da Pikaia das erste große Massensterben - wahrscheinlich zufällig - überlebte, gibt es heute Grasfrösche, Grubenottern, Gänse und Gorillas.

Das Aussterben der Saurier vor 65 Millionen Jahren nach der weltweiten Zunahme des Vulkanismus und nach dem Einschlag eines Meteoriten machte Platz für die Säugetiere, die Millionen Jahre ein Kümmerdasein geführt hatten. Nicht die eigene Überlegenheit machte diese Säugetiere zu Siegern sondern das Sterben anderer Tiergruppen. Hätten die Saurier den Klimawechsel zufällig überlebt, dann gäbe es heute nur wenige Säugetierarten.

Gegen Ende des Erdmittelalters verschoben sich die Kontinentalplatten. Der Himalaja, die Alpen und andere Gebirge entstanden. Diese dritte große Gebirgsbildung führte zu trockenen Luftströmungen und zur Entstehung offener Graslandschaften in Afrika. Für einige unserer Vorfahren (die Australopithecus-Artengruppe) bildete dadurch der aufrechte Gang einen Selektionsvorteil. Ohne diese Gebirgsbildungen säßen die Primaten heute noch in den Ästen.

Homo erectus war ebenfalls einer unserer Vorfahren und der erste Mensch, der Afrika verlassen hat. Vor einer viertel Million Jahren entstand in einer afrikanischen Population von Homo erectus eine neue Menschenart, die über ein außergewöhnliches abstraktes Denkvermögen verfügte. Dieser neue Typ verließ Afrika etwas später und räumte weltweit konsequent alle anderen Menschenarten beiseite. Wäre diese Kleinpopulation von Homo sapiens frühzeitig durch ein Virus zufällig ausgerottet worden, gäbe es heute noch den Erectus-Typ ohne große Fähigkeiten für Wissenschaft und Kultur.

Wer in all diesen Entwicklungen einen Plan zu erkennen glaubt, darf dies selbstverständlich tun. Der objektiv arbeitende Wissenschaftler muss aber auf der Sachebene bleiben, weil vorausblickende Schöpfungen in der Natur wissenschaftlich nicht beweisbar sind.

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© 2005 Rudolf Öller, Bregenz