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RADIKALER UMBAU (PISA 2004)

„Wenn ich einen Tag nicht übe, merke ich es. Wenn ich zwei Tage nicht übe, merken es meine Freunde. Wenn ich drei Tage nicht übe, merkt es das Publikum.“ Diese Worte stammen vom großen Komponisten und Pianisten Franz Liszt und zeigen eine genauso alte wie ewige Wahrheit: Man kann nur das, was man regelmäßig trainiert - um es in der Sprache des Sports auszudrücken. Noch nie hat jemand gut Lesen, Schreiben, Rechnen, ein Handwerk betreiben, Klavier spielen, Bilder malen, eine Fremdsprache beherrschen oder Schifahren und Fußball spielen gelernt ohne regelmäßige Übung. Auch „Wunderkinder“ wie Mozart haben hart an sich gearbeitet, bis sie perfekt waren.

Auf diese Binsenweisheit sei deshalb hingewiesen, weil nach den für Deutschland und Österreich ernüchternden Ergebnissen der letzten PISA-Studie („Programme for International Student Assessment“) einige Schnell- und Kurzdenker einen radikalen Umbau des Bildungssystems forderten. Ein dümmeres Ansinnen kann man kaum stellen, um es maßvoll auszudrücken.

Erstens ist die Qualität der Bildung in einem Land auf viele Ursachen zurückzuführen, und diese reichen von der Motivation der Lehrer über die Durchlässigkeit des Schulsystems bis hin zur Bereitschaft der Eltern, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen. Lesen, schreiben und rechnen lernt man in der Schule, man kann es dort auch in begrenztem Ausmaß trainieren, aber das wahre Training erfolgt zu Hause. Das beginnt beim guten alten Vorlesen, geht über die Kontrolle der Hausübungen und endet bei lesenden Müttern, Vätern und Großeltern, die ihren Kleinen immer ein Vorbild sind - im Guten wie im Schlechten.

Ein weiterer Grund, der gegen einen „radikalen Umbau“ des Bildungssystems spricht, ist die Tatsache, dass Wissen sich selten "radikal" ändert. Neues Wissen baut in der Regel auf altem Wissen auf, erweitert das alte oder erklärt es zu einem Spezialfall einer neuen Theorie. Revolutionen gab es in den Wissenschaften eher spärlich, wie etwa durch Kopernikus, Galilei und Newton. Die Relativitätstheorie hat die alte physikalische Mechanik nicht abgeschafft, sondern zu einem Sonderfall gemacht. Auch die Quantenelektrodynamik hat die klassische Elektrizitätslehre nicht beseitigt, sondern nur eingegrenzt. Das gleiche gilt auch für die Erziehungswissenschaften. Unser Bildungssystem muss daher keineswegs radikal revolutioniert, wohl aber reformiert werden.

Die Reparaturen ungestümer Radikalismen waren stets um ein Vielfaches teurer als es sinnvolle Reformen gewesen wären. Man kann es auf den Punkt bringen: Wissen und Wissenschaften werden seit Menschengedenken durch Reformen erneuert. Radikale Umwälzungen sind fast immer oberflächlichen Ideologien vorbehalten.

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© 2004 Rudolf Öller, Bregenz