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NIKOTIN

Nikotin ist ein farbloses, öliges Alkaloid, das den chemisch aktiven Bestandteil des Tabaks bildet. Zusammen mit Koffein und Ethylakohol gehört Nikotin zu den drei am meisten konsumierten „psychotropen“ Substanzen in unserer Gesellschaft. Über Nikotin zu sprechen, ist ohne Emotionen kaum möglich. Raucher wollen ihre als Freiheit kaschierte Sucht „genießen“, Nichtraucher fühlen sich durch Raucher in ihrem Recht auf frische Luft beeinträchtigt, und ehemalige Raucher gelten allgemein als „militante“ Rauchergegner, wenn nicht gar als erbitterte Raucherfeinde.

Die Gesundheitsgefahr durch Nikotin wird deshalb nicht erkannt, weil man einerseits jahrzehntelang rauchen kann, ohne dass gesundheitliche Schäden sichtbar werden, und man andererseits keinen nichtrauchenden Zwillingsbruder für Vergleichszwecke zur Verfügung hat.

Alle wissenschaftlich erhobenen Daten zeigen aber klar an, dass Nikotin und andere im Tabak enthaltenen Begleitstoffe für erhebliche Gesundheitsprobleme und eine große Zahl an Todesopfern verantwortlich sind. So sterben in Deutschland jährlich etwa 43.000 Menschen an tabakbedingtem Krebs. In der Europäischen Union (ohne die neuen Beitrittsländer) gehen jährlich mehr als eine halbe Million Todesfälle auf das Konto des Rauchens, in den USA im gleichen Zeitraum mehr als 400.000.

Bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts galt Rauchen als schick, doch in den letzten Jahrzehnten ist über die Folgen des Rauchens so viel bekannt geworden, dass in vielen Ländern Aufklärungskampagnen gestartet und restriktive Maßnahmen ergriffen wurden. In den USA zeigen sich die ersten Erfolge. Dort ist der Anteil der Raucher zwischen 1965 und 1990 von 50 auf 29 Prozent zurückgegangen. Eine negative Entwicklung ist hingegen die Zunahme des individuellen Konsums, der bei Raucherinnen stärker ist als bei Rauchern. Die Reduktion des Nikotingehalts in den Zigaretten wird zur Befriedigung der Sucht durch eine größere Zahl an konsumierten Zigaretten ausgeglichen.

Bei einer Diskussion über die Gesundheitsgefahren ist zu bedenken, dass Nikotin zwar die für die Sucht verantwortliche Substanz ist, dass beim Rauchen insgesamt aber rund 4.000 verschiedene chemische Substanzen freigesetzt werden, unter denen sich mehrere befinden, die für Begleiterscheinungen wie Raucherhusten, rasche Hautalterung und Gefäßveränderungen bis hin zum Infarkt verantwortlich sind.

Nikotin reicht in seiner Wirkung nicht an Drogen wie Alkohol, Cannabis und Amphetamine heran. Die Zigarette mit ihren Giftstoffen, und daran besteht kein Zweifel mehr, ist aber das mengenmäßig wirksamste Gift unserer Gesellschaft.

Sommerserie 2004: Drogen
Der Spiegel

© 2004 Rudolf Öller, Bregenz