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POSTTRAUMATISCHER STRESS

Es ist Mode geworden, in der Berichterstattung über Unglücksfälle die schematische Floskel „Die Betroffenen werden psychologisch betreut“ anzuhängen. Abgesehen davon, dass es eigentlich „psychisch“ oder „seelisch“ heißen müsste, kann eine Nachbetreuung durchaus kritisch verlaufen.

In den letzten Jahren ist das Problem eines nicht oder kaum bewältigten Unglücks unter der Bezeichnung „Posttraumatic stress disorder“ (PTSD) bekannt geworden. Diese „stressbedingte Störung nach einem Trauma“ haben Forscher der Universität von British Columbia in Vancouver ausführlich beschrieben. Das Syndrom ist mit Abweichungen der neurochemischen Funktionen verbunden und kann zu Veränderungen im Gehirn führen.

US-Forscher haben Überlebende des Sprengstoffanschlages auf ein Bürogebäude in Oklahoma City 1999 untersucht. Etwa die Hälfte der Menschen litt in den nachfolgenden Monaten an psychischen Störungen, bei mehr als einem Drittel der Patienten wurde ein posttraumatischer Stress feststellt. Dies ist die höchste Rate an psychischen Störungen, die bei Untersuchung ähnlicher Katastrophen bekannt geworden ist. Der Grund dafür war möglicherweise das Ausmaß der Katastrophe. Bei dem Anschlag waren 167 Menschen getötet worden. Knapp 50 Prozent der Überlebenden hatten einen Angehörigen oder Freund verloren. Die ersten Symptome der PTSD traten meist unmittelbar oder kurz nach dem Ereignis auf. Dazu gehören unter anderem wiederkehrende Albträume, Probleme im Alltag und Depressionen.

Die Untersuchung der Universität von British Columbia hat nun ergeben, dass Personen mit PTSD, unabhängig davon, ob es sich um traumatische oder nichttraumatische Ereignisse handelt, ein „overgeneral“ autobiographisches Gedächtnis besitzen. Ihr Erinnerungsvermögen ist im Allgemeinen ungenau, detailarm und wuchernd.

Genau hier liegt nun die Gefahr. Selbst wenn Patienten mit einem PTSD aufgefordert werden, die mit dem Trauma verbundenen Gedächtnisinhalte systematisch zu verarbeiten, so sind sie typischerweise dazu nicht in der Lage. Das Gegenteil wird bewirkt. Versuche, die traumatischen Erlebnisse in den Griff zu bekommen, erzeugen eine Erhöhung des Auftretens schlimmer Erinnerungen. Die weit verbreitete Meinung, man müsste das Erlebte nur erzählen, um es verarbeiten zu können, dann würden die seelischen Wunden schon verheilen, ist bei PTSD-Patienten problematisch. Die richtige psychische Betreuung nach einer Katastrophe liegt immer noch darin, die Betroffenen nicht allein zu lassen und sie selbst den Weg der seelischen Heilung finden zu lassen: Durch Reden aber auch durch Schweigen.

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© 2003 Rudolf Öller, Bregenz