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LISE MEITNER (1878-1968)

Wenn man nach den großen Frauen in den Naturwissenschaften fragt, so erhält man Marie Curie in so gut wie allen Fällen als erste Antwort. Die aus Warschau stammende Marya Sklodowska, später verheiratete Marie Curie, hatte nicht die Radioaktivität entdeckt, wie manchmal irrtümlich behauptet wird, sondern erstmals radioaktive Elemente (Polonium und Radium) isoliert. Curie war nicht nur die erste Frau, die einen Wissenschafts-Nobelpreis erhalten hatte, sie war eine der wenigen Menschen, die zweimal mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden.

Die österreichische Physikerin Lise Meitner war aus einem ähnlichen Holz wie Marie Curie geschnitzt, doch Meitner wurde nie geehrt. Sie war die große betrogene Frau der Wissenschaftsgeschichte.

Lise Meitner wurde am 7. November 1878 in Wien geboren und studierte dort an der Universität. Sie war eine der ersten Studentinnen, die in Österreich zugelassen wurden. Da sie Angst vor der Ablehnung durch männliche Studenten hatte, betrat sie den Saal erst nach Vorlesungsbeginn durch eine Hintertür, versteckte sich unter der Bank und verschwand heimlich vor dem Ende der Vorlesung.

1918 entdeckte sie gemeinsam mit dem deutschen Chemiker Otto Hahn das Element Protactinium. Im selben Jahr wurde sie Leiterin der radiophysikalischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin. 1922 wurde sie Professorin für Physik an der Universität von Berlin. In den Dreißigerjahren waren der Italiener Enrico Fermi und sie selbst wahrscheinlich die einzigen Menschen, die an die Spaltbarkeit großer Atomkerne glaubten.

Lise Meitner war Jüdin. Da sie österreichische Staatsbürgerin war, wurde sie in Berlin geduldet, doch das änderte sich nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland. 1938 musste sie Berlin verlassen und nach Stockholm fliehen. In den Weihnachtstagen des Jahres 1938 entdeckte ihr Kollege Otto Hahn die Spaltung von Uran-235 Atomkernen. Die entsprechende Versuchsserie hatte er zuvor gemeinsam mit Lise Meitner geplant.

1939 veröffentlichte Meitner ihre erste Arbeit zur Atomkernspaltung. In dieser Publikation sagte sie auch die atomare Kettenreaktion voraus, die im Dezember 1942 von Enrico Fermi in Chicago erstmals nachgewiesen werden konnte. Nach dem Krieg wurde die Entdeckung der Atomkernspaltung den Deutschen Otto Hahn und Fritz Strassmann zugeschrieben. Meitner wurde übergangen und vergessen. Lise Meitner starb 1968 in Cambridge. Erst 1994 wurde das bis dahin namenlose chemische Element 109 „Meitnerium“ (Mt) genannt.

Lise Meitners 35. Todestag am 27. Oktober und ihr 125. Geburtstag am 7. November 2003 sind eine Gelegenheit, sich der großen Physikerin zu erinnern.

Gespaltene Atome
Zwiespältige Chemie
Antoine Lavoisier
Dioxin
Fortschritt
Otto Hahn
Hämoglobin
Nicolas Leblanc
Dimitri Mendelejeff

© 2003 Rudolf Öller, Bregenz