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SCHULWEISHEITEN

Ein alter Kalauer beschäftigt sich mit dem Thema Schule. Demnach schaffte Kaiserin Maria-Theresia in Österreich die Folter ab und führte die Schulpflicht ein. Daraus ergeben sich zwei Fragen: Was wurde aus den vielen Folterknechten, und wo kamen plötzlich all die Lehrer her?

Der Witz bekommt auf den zweiten Blick eine gewisse Bedeutung, wenn man die Lehrinhalte hinterfragt. Bei Shakespeare heißt es: „Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.” Der viel zitierten Schulweisheit wird hier kein gutes Zeugnis ausgestellt. Sie wird als etwas Unveränderliches, Starres dargestellt, das bestenfalls ab und zu eine Neuerung zulässt. Der praktizierende Skeptiker erkennt jedoch, dass unsere Schulweisheit weniger erstarrt als überladen ist, sodass eher die Umkehrung des obigen Satzes zutrifft: “In unseren Schulweisheiten gibt es Dinge, von denen zwischen Himmel und Erde keine Spur zu finden ist.”

Auch Lehrer und Universitätsprofessoren können manchmal ideologische Scheuklappen tragen, selektive Wahrnehmung praktizieren oder unfundiertes Wissen gespeichert haben. Erich Kästner sagte einmal: “Schulbücher sind Bücher, die von anderen Büchern abgeschrieben sind, die von anderen Büchern abgeschrieben sind, die von anderen Büchern ...” So wird beispielsweise das (durchaus richtige) 3. Mendelsche Gesetz immer noch als zentraler Lehrsatz verkündet, obwohl es sich um einen Sonderfall der Genetik handelt, der bei Schülern eher Verwirrung als Erkenntnis stiftet.

Es geht nicht darum, bewährtes Wissen in Frage zu stellen, egal ob es sich um lateinische Texte, mathematische Formeln oder Naturgesetze handelt. Es geht aber sehr wohl darum, Müll zu entsorgen und Prioritäten zu setzen. Das explosionsartig anwachsende Wissen macht es immer wichtiger, der Fähigkeit zum skeptischen Denken und der Lust am Wissenserwerb den Vorrang zu geben.

Das wichtigste Unterrichtsfach ist nach wie vor Deutsch, wobei das Fach „Lesen“ in der Volksschule wieder an Bedeutung gewinnen muss. Kein Mensch kann heute ohne Kenntnisse der Muttersprache eine berufliche Karriere machen. Die Eltern, die noch allabendlich Geschichten vorlesen oder erzählen, geben ihren Kindern das erste und beste Bildungsrüstzeug des Lebens mit.

Alle anderen Unterrichtsfächer stehen gleichwertig in der zweiten Reihe, wobei kritisches und skeptisches Denken sowie Teamfähigkeit zu zentralen Unterrichtsprinzipen erhoben werden müssen. Die Schule soll die jungen Menschen leistungs-, denk-, kritik- und sozialfähig machen! Eine Diskussion über Bildungsinhalte und Lehrerausbildung ist nach dem politischen Gezänk der jüngsten Vergangenheit in Österreich überfällig.

Nicht genügend!
Reformbedürftige Schule
Virtuelle Bildung
PISA 2001
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© 2003 Rudolf Öller, Bregenz