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HERBST 1942 (1)

Vor 60 Jahren, im Herbst 1942, fanden zwei technische Revolutionen statt, welche das Schicksal der Menschheit nachhaltig beeinflussten. Die erste dieser Neuerungen gelang in einem kleinen Fischerdorf an der deutschen Ostseeküste, die zweite im Keller eines Sportstadions in Chikago.

Am 3. Oktober 1942 fand erstmals der Flug der ersten Großrakete der Welt statt, der legendären "Aggregat-4" (A-4), die vom deutschen Raketenversuchsgelände in Peenemünde gestartet worden war. Später sollte diese Rakete die Propagandabezeichnung "Vergeltungswaffe-2" (V-2) erhalten. Oberst Walter Dornberger, der militärische Leiter der deutschen Raketenforschung, sagte am Abend nach dem ersten erfolgreichen Raketentest: "Wir haben mit unserer Rakete in den Weltraum gegriffen, und zum ersten Mal diesen Weltraum als Brücke zwischen zwei Punkten auf der Erde benutzt. Wir haben bewiesen, dass der Raketenantrieb für die Raumfahrt brauchbar ist. Dieser 3. Oktober 1942 ist der erste Tag eines Zeitalters neuer Verkehrstechnik. Er ist der Beginn der Raumfahrt."

Die Worte Dornbergers erscheinen übertrieben. Haben nicht die Russen den ersten Satelliten ("Sputnik 1"), das erste Tier (die Hündin "Leika"), den ersten Mann (Jurij Gagarin) und die erste Frau (Valentina Tereschkowa) ins All geschossen? Hatten die US-Geheimdienste die geheimen Raketenversuche der Sowjetunion in den Fünfzigerjahren nicht völlig übersehen? Alles richtig - aber nur teilweise! Sputnik war der erste Satellit, also der erste künstliche Himmelskörper, der die Erde umrundete. Die erste Rakete, die in den Weltraum vorstieß, war jedoch die deutsche A-4. Da sie zudem eine Geschwindigkeit von 5500 km/h erreichte, war sie gleichzeitig ein Fluggerät, das mit Überschallgeschwindigkeit flog. Die A-4 erreichte schon damals 4,5 fache Schallgeschwindigkeit.

Die Raketenforschung unter der Leitung des Raketenbauers Wernher von Braun hatte damals mehrere Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte vorweggenommen. Die Flugabwehrrakete "Enzian" war ein Vorläufer der NATO-Rakete "Hawk". Die ferngesteuerte Gleitbombe "HS-293" wog fast eine Tonne und erhielt gegen Ende des Krieges eine kleine TV-Kamera zur punktgenauen Steuerung in die Spitze montiert. Die Fernlenkbombe "Fritz-X" versenkte im September 1943 sogar das Schlachtschiff "Roma". Diese Waffen waren Vorläufer der heutigen Cruisemissiles.

Wären Deutschlands "Wunderwaffen" etwas früher in Serienproduktion gegangen, so hätte ein verzögertes Kriegsende zum Abwurf der amerikanischen Atombombe über Deutschland geführt. Dazu das Thema der nächsten Woche: Die zweite technische Revolution im Herbst 1942.

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© 2002 Rudolf Öller, Bregenz